Philippe Sands: Die Rattenlinie – ein Nazi auf der Flucht
Lügen, Liebe und die Suche nach der Wahrheit

verfasst am 17.01.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Biographie, Sands, Philippe
LiteraturBlog Bewertung:

Aus der Begegnung zweier Männer, die Nachkommen derer sind, die die Terrorzeit der Nazis in Polen an entgegengesetzten Seiten erlebten, entstand diese Biografie, die zugleich ein überwältigender Roman über ein dunkles Zeitalter ist.

Phillipe Sands, der eine der Männer, ist Nachkomme von Naziopfern, einer der unzähligen Frauen und Männer, deren Verwandte und Freunde in den Ghettos und Konzentrationslagern in Polen ermordet wurden. Sands ist Jurist, Völkerrechtsexperte und Autor. Horst Wächter ist der andere, der Sohn von Otto Wächter, einem der zentralen Kriegsverbrecher der Nazizeit, der in Polen an führender Position verantwortlich für die Ermordung hunderttausender Menschen war.

Gleich vorweg:
Dieses Buch geht weit über das hinaus, was man an Biografien von Tätern aus der Nazizeit im Normalfall liest.

Die wissenschaftliche Arbeit, das Durchforsten, sichten und auswerten von Quellen, die Zusammenfassung in einer chronologischen und übersichtlichen Form – das alles ist zu erwarten.

Das Spannungsfeld, den Mehrwert dieses Buches könnte man es nennen, entsteht dann aus der Gegenüberstellung von vier Erzählebenen: die Tagebucheinträge und Briefe von Otto Wächter und seiner Ehefrau Charlotte; die Berichte und Erinnerungen von Zeitzeugen und deren Hinterbliebenen; die Gespräche zwischen Horst Wächter, Niklas Frank, dem Sohn des Kriegsverbrechers Hans Frank, mit Phillipe Sands; Sands‘ Recherchen und seine Berichte über die Auswertung der ihm zur Verfügung stehenden Dokumente. Selten noch habe ich etwas gelesen, bei dem die Diskrepanz zwischen Scheinwelt bzw. Realitätsverweigerung und der Realität klarer zutage tritt, als in eben dieser Gegenüberstellung.

Was weit über den Umfang der meisten Biografien hinausgeht, das ist die Einbettung der subjektiven (Tagebucheinträge, Briefe) und der objektiven Quellen (Dokumente) in das historische Geschehen. Das Zitieren der Aufzeichnungen vor allem von Charlotte, der Ehefrau von Otto und Mutter von Horst, entlarvt jetzt in aller Deutlichkeit, wie das Böse diese Menschen so sehr verblendet hatte, dass sie tatsächlich meinten, Gutes zu tun.

Wie oft in diesen Quellen die Phrase „anständig geblieben“ (wörtlich oder sinngemäß) zu lesen ist. Immer dann, wenn es um die Rechtfertigung der ungeheuerlichsten Verbrechen ging, waren die Verantwortlichen auch meist noch stolz darf, als Menschen „anständig geblieben zu sein“, während man nur seine „Pflicht erfüllte“. Alles „zum Wohle des deutschen Volkskörpers“.

Es ist beinahe unerträglich darüber zu lesen, mit welcher Abgehobenheit Wächter und seine Frau und die ganze Nazi-Clique ihr Leben begriffen. Tagsüber quasi ein ganz normaler Job, bei dem eben nicht beispielsweise Kaffeemaschinen produziert, sondern Menschen vertrieben und ermordet wurden. Die Nazis machten da keinen Unterschied, in diesen Kreisen betrachtete man den Massenmord als Vaterlandpflicht. Nebenbei führten alle ein ausschweifendes, korruptes Leben, hielten sich Bedienstete, logierten in requirierten Herrenhäusern und ließen es sich gut gehen.

Wie die meisten Nazis behauptet auch Otto Wächter von sich, und auch sein Sohn blieb konsequent bei dieser Meinung, dass er gar kein böser Nazi gewesen sei, weil er ja – und jeder Nazi-Bonze hatte da ganz schnell ein, zwei, drei passende Namen zur Hand – sich für Juden eingesetzt hätte. Verleugnung und Uneinsichtigkeit hatten auch nach dem Ende der Naziherrschaft Bestand.

Auch wenn man natürlich um den Horror und Schrecken des Nationalsozialismus weiß und schon eine Vielzahl an Biografien über andere Verbrecher gelesen hat: Philippe Sands hebt mit seinem Buch alles was geschah auf eine viel persönlichere und tiefer gehende Ebene. Man liest und wird mitgerissen von den Ungeheuerlichkeiten, von den abscheulichen Charakterzügen Wächters, seiner Familie und den Genossen, von der widerlichen Gleichgültigkeit aller Beteiligten und von der Uneinsichtigkeit, die Jahrzehnte später auch noch seinen Sohn prägt.

Otto Wächter starb unter ungeklärten Umständen im Jahr 1949 in Rom, während er darauf wartete, über die Rattenlinie (der Fluchtroute für Nazis) nach Südamerika flüchten zu können (Sein Fluchthelfer war der berüchtigte Naziunterstützer Bischof Alois Hudal, über den auch in diesem Buch einiges zu lesen ist).  Wächters Ehefrau Charlotte überlebte ihn um beinahe vierzig Jahre und blieb bis zu ihrem Tod im Jahr 1985 unbeirrt davon überzeugt, dass der Nationalsozialismus richtig und ihr Ehemann ein rechtschaffener Mensch gewesen war.

Ein umfangreicher Abschnitt ist den letzten Monaten in Wächters Leben gewidmet. Man fühlt sich in einen Detektivroman versetzt, wenn man die Spurensuche verfolgt, wie Sands Wächters Flucht über Südtirol nach Rom nachvollzieht, seinen Aufenthalt in Rom, seine Kontakte. Welche Rolle Einzelpersonen, alte Nazi-Kumpanen oder Geheimdienste gespielt haben mochten, ob Otto Wächter, wie von Hudal behauptet, vergiftet wurde.

Am Ende bleibt ein Sohn, Horst Wächter, der zwar für sich in Anspruch nimmt, den Nationalsozialismus abzulehnen, zugleich aber die Taten seines Vaters nicht als Verbrechen sehen kann oder will. Ganz im Gegensatz zu den Söhnen und Nachkommen von beispielsweise Hans Frank oder Baldur von Schirach, die die Verbrechen ihrer Väter bzw. Großväter ohne Einschränkung verurteilen.

Heute gelesen, lässt „Die Rattenlinie“ nicht nur in die Vergangenheit blicken, sondern auch in die Geisteswelt gegenwärtiger Akteure. Es gibt sie immer noch und im 21. Jahrhundert immer mehr davon: Menschen, die Böses für gut halten, Ausgrenzung für gerecht und Gewalt für erforderlich.

Ein wirklich machtvolles Buch über Irrungen, Schuld und Verdrängung, das man kaum ohne Emotionen lesen kann.




Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top