Oliver Rathkolb: Schirach
Eine Generation zwischen Goethe und Hitler

verfasst am 01.10.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Biographie, Rathkolb, Oliver

Ohne die unzähligen Gehilfen in der zweiten Reihe hätten Hitler, Göring, Himmler, Goebbels ihre Verbrechen nicht begehen können. Weil deren Zahl so ungemein groß ist, werden wahrscheinlich noch Generationen von Historikerinnen und Historikern damit beschäftigt sein, die Geschehnisse im Dritten Reich aufzuarbeiten.

Oliver Rathkolb ist einer der renommiertesten Historiker Österreichs und wirkt auch regelmäßig an TV-Dokumentationen zu Themen des 20. Jahrhunderts mit. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die NS-Zeit in Österreich – eine Biografie über Baldur von Schirach zu schreiben liegt für Rathkolb daher nahe.

Baldur von Schirach, geboren 1907 in Berlin, war einer dieser Gehilfen aus der zweiten Reihe, der ab 1942 und bis zum Kriegsende „Gauleiter und Reichsstatthalter“ in Wien war. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess von 1946 wurde er zu einer 20-jährigen Haftstrafe verurteilt, nachdem er sich, ähnlich wie Albert Speer, als geläuterter Nazi darstellen konnte und es vermochte, seine direkten Verwicklungen in NS-Verbrechen zu marginalisieren. Schirach starb 1974.

Der Werdegang Schirachs als glühender Verehrer Hitlers zeichnet sich schon früh ab. Als junger Student hat er den ersten Kontakt zum „Führer“ und sieht danach seinen Weg klar vorgezeichnet. Schirach übernimmt Funktionen in Studentenorganisationen und nützt auch seine familiären und persönlichen Verbindungen geschickt aus, um sich in der NS-Welt zu profilieren. Ein in dieser Beziehung sehr vorteilhafter Schachzug ist die Hochzeit mit Henriette, der Tochter von Hitlers Leibfotografen Heinrich Hofmann.

Wie Rathkolb es beschreibt, war es durchaus schwierig, die Stationen Schirachs in der Zeit vor der Machtergreifung der Nazis exakt nachzuvollziehen, da die Quellenlage dazu nicht sehr umfangreich ist; oftmals mussten Annahmen oder Passagen aus Schirachs eigener Autobiografie verwendet werden. Im Jahr 1933 wurde Schirach „Reichsjugendführer“ und hatte als solcher maßgeblichen Anteil am Aufbau der HJ als zentraler Jugendorganisation der Nazis. Die dabei erfolgte Propagandaarbeit und Indoktrination der Jugendlichen hatte zweifelsohne maßgeblichen Einfluss auf die zunehmende Radikalisierung der Jugendlichen, die sich besonders in den letzten Kriegsmonaten zeigte. Als Jugendliche zum Volkssturm eingezogen wurden oder in der Organisation „Werwolf“ Sabotageakte durchführen sollten, ging die ideologische Beeinflussung der Nazis bei vielen der jungen Leute auf.

Es gelingt auch mit diesem Buch nicht zur Gänze, die Rolle Schirachs vollständig aufzuklären. Anteil daran hat der Umstand, dass sich Rathkolb oftmals bei den Tagebüchern von Goebbels und den Erinnerungen Schirachs bedienen muss. Das muss naturgemäß zu subjektiver Betrachtung führen.

Klar wird das Bild Schirachs dann, wenn im Buch den tatsächlichen Ereignissen seine Aussagen im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess gegenüber gestellt werden. In diesen zeigt sich – wiederum: ähnlich wie bei Speer – eine gut gelungene Strategie, mit der Schirach sein Leben retten konnte. Damals wie heute ist es wichtig zum richtigen Zeitpunkt das richtige zu vergessen. Schirach hatte aber augenscheinlich schon während seiner Zeit in Wien vorgebaut und dafür gesorgt, dass er nicht direkt mit Dokumenten und Vorgängen in Verbindung gebracht werden konnte, die zur Deportation und Ermordung von Juden und Regimegegnern führte. Meistens fanden sich nur die Unterschriften seiner Untergebenen darauf, seien selbst aber nicht, womit er die Kenntnis davon rundweg abstreiten konnte. Wie Speer gestand er lediglich eine allgemeine Schuld ein, nämlich der, einem Irrglauben gefolgt zu sein. Er räumte jedoch auch die von ihm betriebene psychologische Beeinflussung der Jugend ein.

Schirach mag zwar wegen seiner Versuche, internationale Jugendorganisationen ins Leben zu rufen, oftmals in einen Gegensatz zu Hitler und Goebbels geraten sein; auch einige andere Maßnahme Schirachs fanden keine Zustimmung bei den NS-Führern. Am Ende war er aber ebenso ein Nazi-Funktionär, der sich wie alle anderen auch gewissenlos am Eigentum anderer bediente – Schirach eignete sich in großem Stil Raubkunst an und profitierte ausgiebig von den „Arisierungen“. Der genaue Umfang dessen lässt sich bis heute nicht ermitteln. Tatsache ist aber, dass es der Familie Schirach gelang, auch nach dem Krieg im Besitz eines großen Teiles dieser Gegenstände und Kunstwerke zu bleiben.

Am Ende gelingt es auch Oliver Rathkolb nicht, ein klares und eindeutiges Bild Schirachs zu zeichnen, zu sehr verbirgt der sich hinter widersprüchlichen Taten, zu wenig lässt sich aus den vorhandenen Quellen herausfiltern, zu viel wurde von Wegbegleitern und Schirach selbst verschleiert.

Selbst die Inschrift „Ich war einer von Euch“ an Schirachs – mittlerweile entferntem – Grab lässt noch über seinen Tod hinaus Raum für Interpretation.



Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top