Manfred Wieninger: Die Banalität des Guten
Feldwebel Anton Schmid - Roman in Dokumenten

verfasst am 03.10.2014 von | 1 Kommentar
Rubriken: Wieninger, Manfred, Zeitgeschichte

Über den Feldwebel Anton Schmied – da bin ich mir sicher – weiß bestenfalls ein Handvoll Menschen in Österreich Bescheid. Er war kein Kriegsheld, er hat keine Schlachten geschlagen, keinen Nobelpreis bekommen; Anton Schmid ist einfach Mensch und menschlich geblieben in einer Zeit, in der Menschlichkeit nicht als Tugend sondern als verachtenswerte Schwäche angesehen wurde. Anton Schmid hat seine Menschlichkeit mit dem Leben bezahlt.

Manfred Wieninger fasste Fakten und Dokumente zu einer Biografie des Anton Schmid zusammen, in der literarische Überleitungen und historische Daten die Klammer zwischen Dokumenten bzw. Auszügen aus Dokumenten bilden. Nach einem kurzen Rückblick auf sein davor liegendes Leben beginnt mit Schmids Einberufung in die Wehrmacht im August 1939 die detailreiche Aufarbeitung der Geschehnisse, die aus Schmid zuerst den Lebensretter dutzender jüdischer ZwangsarbeiterInnen machte und die mit seiner Hinrichtung endeten.

Schmid wird mit seiner Einheit nach Osten verlegt: Polen, später Baltikum. Mitten hinein also in jene Regionen, in denen die Nazis, deutsche und einheimische, am wildesten wüteten. Das Grauen dieser Zeit indes benötigt keine literatische Verstärkung: es ist also völlig ausreichend, wenn Wieninger aus Briefen Schmids und Erinnerungen von Zeitzeugen – Wehrmachtssoldaten, Juden, Wegbegleitern – und Berichten und Rapporten der  Wehrmacht zitiert. Aus unterschiedlichen Positionen beschrieben, werden die Verbrechen und der 1.000fache Mord an Juden, Russen, Kommunisten zum Greifen real.

Die Tatsache, dass es in Wilna, wo Schmid stationiert ist, zu den unglaublichsten Massenmorden an der jüdischen Bevölkerung kommt, bleibt Schmid, wie sicherlich auch seinen Kameraden, nicht verborgen. In die Situation, selbst etwas dagegen zu tun, kommt er im Oktober 1941 durch die zufällige Begegnung mit einer jungen jüdischen Frau. Sie wird die erste sein, die ihr Leben dem Anton Schmid verdankt.

Schmid nützt seine Stellung als Leiter der “Versprengten-Sammelstelle” der Wehrmacht und kann in den folgenden Monaten beinahe 200 Menschen aus der Stadt schmuggeln. Doch bereits im Jänner 1942 wird er verhaftet und im Folgemonat zu Tode verurteilt. Anton Schmid wird am 13. April 1942 in Wilna von einem Erschießungskommando der Wehrmacht hingerichtet.

Gerade jetzt, im Jahr 2014,  ist die Gewalt, die von wenigen gegen ganze Bevölkerungsgruppen schon wieder/noch immer eine tagtägliche Realität. Glaubens-Fanatiker, Rechtsextremisten, Engstirnige – sie mögen sich mit irgendwelchen unterschiedlichen Ideologien tarnen, sind aber letztendlich nur gewissenlose Kriminelle. Und wieder müssen diejenigen, die gegen deren Gewalt auftreten, um ihr Leben, zumindest aber um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten.

Und dann noch das: wann immer in unseren Medien ein Bericht über Wiederbetätigung, Schändung von Denkmälern oder – ganz aktuell – Nazi-Trophäensammlungen im Keller erscheint, dann tauchen umgehend die auf, die endlich die Vergangenheit vergessen wollen; die mit dem Verweis auf die “viel größeren” Probleme unserer Gegenwart doch endlich einen Mantel des Schweigens über  Österreichs Nazi-Vergangenheit legen wollen (und je kleiner das Zeitungsformat, des ausführlicher kann man das in den Internet-Foren dieser Zeitungen nachlesen).

Während die Zeitzeugen immer weniger werden, werden die Verharmloser, die Vergessen-Woller, die “nicht-Alles-war-Schlecht”-Sager immer mehr, angestachelt und gefördert von charakterlosen sog. Politikern; dabei radikalisiert  sich unsere Gesellschaft immer mehr. Stimmen, die gegen das Vergessen sprechen, gibt es wenige – Manfred Wieninger ist eine dieser Stimmen, die immer wieder zu uns sprechen und gegen das Verdrängen ankämpfen.

Die Schilderung von ganz konkreten Schicksalen macht dabei das Verstehen dieser dunklen Jahre Österreichs noch eindringlicher. Diese romanhafte Darstellung des Lebens des Feldwebels Anton Schmid schafft es, sehr viel davon zu vermitteln, was Menschen damals empfunden haben müssen, wie diese Zeit, diese stets präsente Atmosphäre des Misstrauens und der Gewalt, auf den Einzelnen wirkte; welche unglaublichen Verbrechen begangen wurden.

Eine empfehlenswerte Lektüre vor allem auch für jene, die nicht verstehen, warum man die Zeit des Nationalsozialismus immer wieder im Gedächtnis behalten soll. Nach dem Lesen von “Die Banalität des Guten” wird man es verstehen.

Manfred Wieninger: Anmerkungen

Anton Schmid wurde – als mutmaßlich einziger von rund 18 Mio. Wehrmachtssoldaten, der wegen Judenrettung von der hitlerdeutschen Militärjustiz zum Tode verurteilt und hingerichtet worden ist – im Jahr 1967 als erster Wehrmachtsangehöriger von der Holocaust-Erinnerungs- und Forschungsstätte Yad Vashem als “Gerechter unter den Völkern” anerkannt und ausgezeichnet.

Dieser “Roman in Dokumenten” beruht vor allem auf dem privaten, bisher weitgehend unbekannten und unveröffentlichten Brief-, Foto- und Dokumentenachlass Schmids.


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  • Kommentar von  Jakob Knab am 29.11.2015 um 14:56 Uhr Uhr

    Der Buchtitel „Die Banalität des Guten“ lehnt sich an das epochale Buch der jüdischen Gelehrten Hannah Arendt: „Die Banalität des Bösen“. Ein Gedankengang bei Arendt ist die Unterscheidung vom „radikal Bösen“ und der „Banalität des Bösen“. Sie kam zu dieser Einsicht: „Ich bin in der Tat heute der Meinung, dass das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Tief aber und radikal ist immer nur das Gute.“ Nimmt man diese Einsichten im augustinischen Duktus ernst, dann drängt sich dieser alternative Buchtitel auf: „Die Radikalität des Guten“.

    Engagiert und kenntnisreich schildert Autor Wieninger Schmids Milieu und Prägungen, er nimmt den Leser mit auf eine Reise von Schmids Einberufung in die Wehrmacht Ende August 1939 bis zu seinem gewaltsamen Ende im April 1942. Nur wer sich wie Wieninger jahrelang diesem guten Christenmenschen Anton Schmid näherte, kann diesen faszinierenden „Roman in Dokumenten“ schreiben. Dafür gebührt ihm die Anerkennung aller Leser, denen die Aufarbeitung der Gewaltgeschichte und der rassistisch motivierten Vernichtung ein Herzensanliegen ist.

    Gegenüber der geretteten litauischen Jüdin Luisa Emaitisaite hatte Anton Schmid dieses Bekenntnis abgelegt: „Es ist mir so, als wenn Jesus selbst im Ghetto wäre und um Hilfe riefe.“ Anton Schmids Worte sind nicht banal, sondern radikal!

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