Thomas Fatzinek: Der letzte Weg

Immer wieder muss man sich verdeutlichen, dass Ereignisse, wie sie in „Der letzte Weg“ beschrieben werden, Tatsachen sind. Dass es so geschah, dass sich hier bei uns und an Orten, die wir heute in wenigen Stunden erreichen können, genau das ereignete, was uns jetzt so unwirklich, so undenkbar erscheint.

Die blicklosen Augen, die Fatzinek seinen Figuren zeichnet, tragen ihren Teil zur Verbildlichung des Grauens bei. Blicklose Augen in konturlosen Gesichtern stehen hier für zwei sehr unterschiedliche Charakterisierungen:

Bei den Deutschen und ihren Handlangern ist es die Kälte, die Dummheit, die Unmenschlichkeit, die sich darin ausdrückt.

Bei den Juden, den Opfern der Nazis und bei den wenigen Deutschen und Österreichern, die sich der Ideologie des Hasses widersetzten, ist es die Angst, die Gewissheit, selbst dem Tod geweiht zu sein, die Hoffnungslosigkeit, aber auch bei einigen wenigen der Wille, sich gegen das unvermeidbar erscheinende Schicksal zu wehren.

Dieses Buch berichtet über den Weg zweier junger Frauen in Polen, während der Besetzung durch die Nazis. Es sind die Monate und Jahre in einem Land, das völlig der Willkür ausgeliefert ist; nicht nur durch die Besatzer, sondern auch durch die Antisemiten im eigenen Land – die, die gestern noch Nachbarn, Arbeitskollegen, Mitschüler waren, lassen heute ihrem Hass auf die Juden ungehemmten Lauf.

(Heute würde man in Polen wegen so einer Beschreibung wahrscheinlich angeklagt werden, denn die National-Populisten, die an der Regierung sind, weisen ja jede Mitwirkung von Polen an antisemitischen Übergriffen während dieser Zeit empört zurück)

In der „Der letzte Weg“ stehen vor allem zwei Themen im Mittelpunkt:
Das perfide Spiel der Nazis, das diese mit den Juden, die sie zuvor in Ghettos zusammengepfercht hatten, spielten. Für die Nazis waren diese Ghettos nichts anderes als Lager für billige Arbeitskräfte, Sklaven, die keinen Wert hatten, zugleich auch Zwischenstationen auf dem Weg in die Vernichtungslager. Diejenigen, denen man in den Ghettos die Verantwortung übertragen hatte, die so genannten Judenräte, glaubten hingegen allzu oft daran, durch Kooperation mit den Nazis das Leben von vielen Juden retten zu können, indem sie wenige opferten. Es funktionierte nie und dieses „Spiel“ wiederholte sich an vielen Orten in Polen; am Ende stand immer der Tod.

Das andere Thema ist dieser ebenso unerklärliche wie unausrottbare Hass auf Juden. Antisemitismus gab es vor den Nazis, er wurde nur von diesen Verbrechern auf ein neue, zuvor undenkbare Ebene der Brutalität gehoben. Und es gab und gibt diesen Antisemitismus auch nach den Nazis – viele Juden überlebten zwar die Nazizeit, wurden dann aber Opfer der einheimischen Bevölkerung.

Chaika Grossman und Chasia Bornstein Bielicka haben die ersten Massaker an Juden in Białystok überlebt und unterstützen nun die im dortigen Ghetto leben Juden mit dem Schmuggel von benötigten Gütern und Waffen. Sie sorgen aber auch für die Übermittlung von Nachrichten aus dem und in das Ghetto und halten die Verbindung zu Untergrundorganisationen. Es ist die Biographie dieser beiden Frauen in den Jahren 1941-1944, die Thomas Fatzinek für diesem Band recherchiert und aufgezeichnet hat.

Die Bildsprache, die Szenen, die abgebildet sind, das Dunkel dieser Jahre, das sich nicht nur in den Schwarz/Weiß-Zeichnungen spiegelt, sondern auch im Ausdruck der Figuren: „Der letzte Weg“ fasst das Wissen, das wir von dieser Zeit haben, auf wenigen Seiten in bedrückender und erschreckender Weise zusammen, es ist ein komprimierter Auszug aus Jahren des Grauens.

PS: Wenige Menschen gab es damals, die den Mut aufbrachten, den Juden zu helfen. Einer davon war der Feldwebel Anton Schmid, dessen Leben von Manfred Wieninger in „Die Banalität des Guten“ beschrieben wurde. Schmid, so wie viele andere dieser Helfer, überlebten ihre Mut nicht. Er war einer der Helfer der beiden Frauen in Białystok .

PPS: … und die dummen, braunen Recken dürfen heute, im Schutz unsere demokratischen Grundrechte, wieder ihre ekelhaften Parolen verbreiten und dürfen Fahnen schwingend durch die Straßen marschieren…


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