Winston S. Churchill: Der zweite Weltkrieg: Triumph und Tragödie
(Band 6/Buch I) Dem Sieg entgegen

verfasst am 26.06.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Biographie, Churchill, Winston

Winston Churchills Memoiren sind ein Mammutwerk. In sechs Bänden (bestehend aus jeweils 2 Büchern) berichtet Churchill über die Zeit zwischen 1919 und 1945. Ein Geschichtsbericht aus erster Quelle, der mehrere tausend Seiten umfasst.

Von der deutschsprachigen Gesamtausgabe ist gegenwärtig leider nur Band 6 – Triumph und Tragödie, Band 1 verfügbar, der die Monate von der Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 bis Ende 1944 umfasst. Die anderen Bände der Ausgabe des Scherz-Verlages sind leider vergriffen.

Für das Gesamtwerk erhielt Churchill im Jahr 1953 den Literatur-Nobelpreis.

Wer außer Churchill wäre berufen, die Chronik dieser für Europa und die Welt so einschneidenden Zeit zu schreiben. Auf Seite der Alliierten standen außer ihm Franklin D. Roosevelt und Stalin an der Spitze ihrer Staaten; Roosevelt verstarb noch vor Ende des Krieges und die Memoiren von Stalin hätte wohl niemand lesen wollen und wären auch kaum geschichtlich relevant gewesen. Obwohl sich auch De Gaulle als einen der siegreichen Staatsführer ansah, so war er doch – wenn überhaupt – nur sehr am Rande in die Entscheidungen der Alliierten eingebunden.

Churchill war aber nach Ende des Krieges noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Als eine der drei Hauptakteure wusste er um alle Vorgänge und hatte Zugang zu allen Quellen. Das Ergebnis ist ein Bericht mit Schwerpunkt auf den politischen und militärischen Aspekten. Die reinen geschichtlichen Vorgänge unterlegt Churchill mit Auszügen aus seiner Korrespondenz mit den Alliierten, den Entscheidungsträgern in Großbritannien und mit den Militärs.

Was dabei über die sonstigen Geschichtsbücher über diese Zeit hinaus geht, das ist der Einblick über das Verhältnis der Alliierten untereinander. Natürlich muss man davon ausgehen, dass Churchill bei der Darstellung seiner eigene Rolle ein wenig nachgebessert hat; was man aber weiß – und das kristallisiert sich in seinen Memoiren deutlich heraus – ist, dass Churchill schon frühzeitig vor der Gefahr eines kommunistischen Imperialismus warnte, während Roosevelt die Sowjets unter Stalin noch recht ungetrübt als Verbündete sah (Der Umstand, dass sich zugleich auch der US-amerikanische Imperialismus entwickelte, ist nicht Gegenstand dieses Buches). Auch Meinungsdifferenzen zwischen den westlichen Verbündeten werden hier ganz klar beschrieben.

Was Churchills Memoiren mit den Büchern der meisten Kriegshistoriker gemeinsam hat, das ist die weitgehend unpersönliche Beschreibung der Kriegshandlungen. Es ist von Divisionen und  Armeen die Rede, die wie Spielsteine auf den Landkarten verschoben werden, es ist die Rede von der Kampfkraft der Regimenter und dass viele von ihnen aufgerieben wurden, als wären das alles Maschinen. Zwar schreibt Churchill auch über die Verluste an Menschenleben, aber er nimmt hier die Perspektive der Generalstäbe ein, die oft wenig Gedanken daran verschwenden, dass diese militärischen Einheiten immer nur aus einzelnen Individuen bestehen, die leiden, verwundet werden, sterben.

Solche Einzelschicksale sind nicht das Thema der Memoiren; Thema ist Churchills Rolle und die Veränderung der Welt. Bemerkenswert ist auch, dass er die Feinde (vor allem die Deutschen) durchaus mit Wertschätzung beschreibt. Tiefe Abneigung und Verachtung kommt nur dann hervor, wenn er über Hitler oder andere Naziführer schreibt.

Wie sehr der 2. Weltkrieg tatsächlich die gesamte Welt umfasste, zeigt sich in Churchills Berichten über die Vielzahl an Kriegsschauplätzen, an denen zeitgleich gekämpft wurde. Wenn an einem Ort nicht gekämpft wurde, dann wurden von dort oft Soldaten an einen der Kriegsschauplätze entsendet. Da viele der am Krieg beteiligten Länder zu dieser Zeit auch noch über eine beträchtliche Anzahl an Kolonien bestimmte, zog der 2. Weltkrieg seine Spur auch durch jene Weltgegenden, die für sich alleine gar nicht betroffen waren.

Ob diese Memoiren aus literarischer Sicht tatsächlich nobelpreiswürdig sind, das mag ich nicht beurteilen; ein Argument für die Verleihung war sicherlich die politische Rolle des Staatsmannes Churchill, ohne dessen unermüdlichen Widerstand gegen Nazideutschland, die Geschichte auch einen andern Verlauf hätte nehmen können. Was diese Bücher aber auf jeden Fall auszeichnent, das ist die umfassende und tiefe Dokumentation, die es auch für Menschen, die diese Zeit nicht miterlebt haben, ein wirklich realistisches Bild erschaffen. Churchill dokumentiert und erklärt die Vorgänge dabei in einer bildhaften Sprache, durch die wir auch noch heute die dramatischen Ereignisse greifbar miterleben.

PS: Im Jahr 1953 erschien der letzte Band der Memoiren. Inzwischen hatte die Geschichtsforschung beinahe 7 Jahrzehnte mehr Zeit, die Vorgänge aufzuarbeiten. Wenn sich also nun in Churchills Bücher einige wenige ungenauen oder falschen Daten finden, dann ist das nur dem Umstand geschuldet, dass vieles damals noch nicht zur Gänze bekannt war.



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