Manfred Wieninger: Der Mann mit dem goldenen Revolver
Ein Hinterhof-Krimi mit Marek Miert

Gerade noch der einsame Wolf in den (Beinahe-) Ruinen von Harland, im nächsten Moment schon quasi Elternteil. So schnell geht es, wenn die Kindesmutter vor der Türe steht, etwas von Auszeit daherredet, Kind und Tasche absetzt und schon wieder verschwunden ist. Immerhin kennt er die Mutter; so gut, dass er möglicherweise sogar der Vater … . Wie auch immer, jetzt hat er den Manuel, gerade 3 Monate alt, bei sich im Wohnbüro und keinen Plan.

Marek Miert, Privatdetektiv und Meister der vergleichenden Wortbilder, ist wieder da. In den vergangenen Jahren, die seit dem letzten Treffen mit ihm vergangen sind,  haben sich seine Lebensumstände keinesfalls verbessert: heruntergekommene Gegend, verschlissene Möbel, zivilisationsferner Ordnungssinn, dünner Geldbeutel – vielleicht nicht optimal für ihn selbst, aber gut für die Leserin/den Leser, fühlt man sich doch gleich wieder heimisch.

Der kleine Manuel ist übrigens nach ein paar Stunden schon wieder aus Mierts Leben verschwunden, dafür ein neuer Klient eingetreten. Der Auftrag führt Miert in jene Gegend, wo möglicherweise schon ein Mann namens Herbert Krcal (man möge googeln) vor Jahren Zukunft, Geld und Nerven verlor; ein schlechtes Omen für Miert? Der Großvater des distinguiert wirkenden Herren, der da frühmorgens im Wohnbüro steht, wäre verstorben und das ererbte Haus zwei Tage lang zu bewachen. Ein Nachwächterjob quasi, gut bezahlt, wenig Aufwand.

Zwei Tage? Miert schafft nur ein paar Minuten, dann schicken ihn ein paar lokale Ganovengrößen ins Reich der Träume. Der Verstorbene nämlich war, das erfährt Miert leider erst später, ein legendärer Bankräuber und das nun leerstehende Grundstück wohl der Ablageort eines versteckten Schatzes; ganz klar, an den wollen jetzt alle herankommen und da steht Miert nur im Weg herum.

Das Warten (fünf Jahre sind seit dem letzten Miert-Roman vergangen) hat sich gelohnt. Der ewig-grantige, im Grunde seines Herzens aber fürsorgliche, Marek Miert zieht durch die Tiefen von Harland. Kaum etwas entkommt dabei seinem allgegenwärtigen Zynismus, nicht einmal er selbst. Während der Held der Geschichte also stets unzufrieden mit sich, seinem Leben, seiner Arbeit, seinen Mitmenschen und wahrscheinlich überhaupt allem ist (ausgenommen nur eine Leberkäsesemmel und ein Flascherl Rotwein) legt er sich andererseits gegen jede Ungerechtigkeit ins Zeug.

Eingebettet zwischen scharfen Blicken auf die Gegenwart des Landes (und damit meine ich des realen Landes Nieder/Österreich) und kritischer Betrachtung der darin lebenden Menschen schiebt Miert regelmäßig wirklich böse Wuchteln *). Kurzum: alles und jede/r bekommt sein/ihr Fett weg und man amüsiert sich über die Treffsicherheit seiner verbalen Ausritte.

Für diejenigen, die die Vorgänger-Romane gelesen haben: Marek Miert ist ein wenig düsterer, zynischer und auch eigenbrödlerischer geworden. Das äußert sich u.a. auch in einer ganzen Reihe von gedanklichen Ausflügen, mit denen er Momente füllt, in denen sich gerade sonst nichts tut – autobiografische Erinnerungsanfälle gewissermaßen und dabei erfährt man ein paar neue Details über sein bisheriges Leben. In diesen Abschnitten tritt der Krimiautor Wieninger zur Seite und macht jenem Autor Wieninger Platz, der nicht ruht, die dunkle Vergangenheit unsere Landes literarisch zu verarbeiten, der ein steter Mahner gegen das Vergessen der Verbrechen der Nazizeit ist.

Das Buch? Weniger ein Krimi als vielmehr ein Sittenbild und eine Millieustudie. Gelegentlich nicht ganz leicht verdauliche Kost; wenn man sich darauf einlässt, ein Roman, der in Erinnerung bleibt.

PS: Ein Spiegel, den Manfred Wieninger uns Österreicherinnen und Österreichern vorhält.

*) Wuchtel reißen = wienerisch für: einen Witz machen. 



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