Wieninger, Manfred: Falsches Spiel mit Marek Miert

Der 2. Auftritt des Harlander Diskontdetektivs aus dem Jahr 2001 setzt dort fort, wo der 1. Auftritt endete. Und beginnt mit einem durchaus befremdlich wirkenden Auftrag für Marek Miert: er soll heraus finden, wer sein neuer Klient ist.

Klingt ein bisschen nach Game-Show (Was bin ich, oder so..) ist aber weder Game noch Show, wie Marek feststellen muss. Im Kaffeehaus hat er seinen Auftrag von dem alten Mann bekommen, nicht ohne, dass der ein paar kryptische Anmerkungen machte und dann den denkwürdigen Satz „.. finden Sie heraus wer ich bin“ sprach.

Das ist der Auftakt zu einem tiefschwarzen Krimi, in dem man auch ein paar Suspense-Elemente findet. Marek Miert ist auf dem Weg, der zynischte Zyniker der Stadt zu werden, muss aber noch ein wenig dafür üben und so lässt er – wahrscheinlich aber sowieso unfreiwillig – einige durchaus launige Bemerkungen fallen (in den folgenden Jahren wird er sich das zugunsten reinsten Zynismus völlig abgewöhnen).

Es geschieht am Morgen eines Tages, an dem Miert das Gefühl hat, dass etwas fehlt in seiner gewohnten Umwelt. Da steht mit einem Mal der alte Mann vor ihm und erzählte alle möglichen und wirren Geschichte über damals, heute, sich, seine Frau und wie es damals war, als Krieg war.  Die Sache hört sich eher an wie ein morgendliches Puzzlespiel, doch Miert, wie üblich zufällig auftragslos, nimmt das bisschen Anzahlung und den Auftrag an. Denn sein Gefühl sagt ihm, dass der Alte, der da in verblüffend großdeutscher Haltung das Cafe verlässt, eine ganze Menge Geheimnisse mit sich herum schleppt.

Doch, eines nach dem anderen, zuerst muss etwas gegen dieses Gefühl getan werden, dass etwas fehlt. Lange dauert es nicht, dann hat Miert den einsamen Verrückten von der Fussgängerbrücke – Spitzname Roberto Blanco – als den Fehlenden identifiziert und macht sich auf, eine Spur des Verschwundenen zu finden, noch besser, den Mann selbst. Das führt ihn direkt zu Harlands edelster Absteige, dem Einquartierungshaus, überbevölkertes Ghetto aller Obdachlosen und Vergessenen.

Marek Miert irrt hin und her zwischen Ghettos, Friedhöfen und trostlosen Gegenden, in einer Stadt in der es zwischen ärmlichen Sozialfällen und reichen Bonzen nur wenig zu geben scheint (wenn man einmal von der Polizei absieht).  Mit Miert irrte auch ich durch die Gegend und hatte meist keine Ahnung, warum wir hierhin oder dorthin kamen und was wir hier oder dort wollten und was überhaupt gerade (krimihandlungsmäßig) passierte.

Mitbekommen habe ich dann, dass über eine verschollene Zeichnung von Egon Schiele, die Miert aus einem Schließfach holt, eine Verbindung zwischen dem alten Mann im Cafe und Roberto Blanco besteht. Eine, die bis in die Nazizeit zurückreicht und etwas mit Arisierung und „Entarteter Kunst“ zu tun hat. Jetzt war ich wieder im Thema und genoss die im zweiten Teil spannender werdende Story.

So unter uns gesagt, auch wenn irgendwo, relativ zu Beginn des Buches, das Gegenteil steht: der Roman und Miert selbst sudern sich durchs Leben, allerdings zweifelsfrei auf sehr hohem Niveau. Auf all diese Widrig-, Scheulich- und Grauslichkeiten muss man erst einmal kommen und sie dann auch noch auf knapp 120 Seiten in der Enge einer einzigen Stadt sinnvoll unter bringen. Mit dem Ergebnis, dass ich in diesem Harland vor lauter Ekel nicht einmal die Luft einatmen wollen würde.

Mit viel Überzeichnung macht Manfred Wieninger aus einem kleinen Krimi ein umfassendes Bild österreichischer Verdrängungsmentalität und kleinbürgerlichem Vorstadt-Chauvinismus. Vieles davon gibt es zwar tatsächlich, aber erfreulicherweise nicht ganz in dieser Dichte – sonst wäre es wahrhaft schlimm bei uns. Andererseits: Harland liegt in Niederösterreich und die haben dort ihren Kaiser Erwin – das ist auch schlimm.

PS: dieser Krimi ist im Buchhandel leider vergriffen, um ihn zu bekommen muss man sein Glück im wohl sortierten „Gebrauchtbuchhandel“ versuchen. 


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