Manfred Wieninger: Aasplatz
Eine Unschuldsvermutung

verfasst am 03.04.2018 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Wieninger, Manfred

Ein Buch über einen (noch immer!) oft verdrängten Abschnitt der jüngeren österreichischen Geschichte, eine romanhafte Aufarbeitung der vermeintlichen Opferrolle Österreichs im Dritten Reich, eine Dokumentation über Opfer, denen die Verhältnisse nach dem Krieg viel zu oft ihr Recht auf Gerechtigkeit raubten und über Täter, die sich nie ihrer Veranwortung stellen mussten.

Jennersdorf im Burgenland ist der Schauplatz der Ereignisse. Schon früh eine Hochburg der Nazis in Österreich blieb der Ort auch in der Zeit des Verbotes des NSDAP in den 1930er-Jahren Treffpunkt der braunen Horden. Das aber ist keine besondere Eigenheit Jennersdorfs, das geschah so oder so ähnlich auch in sehr vielen anderen Orten und Städten in Österreich. Und gemeinsam ist allen diesen auch, dass man nach dem Krieg und dem Ende der Naziherrschaft nichts mehr von alledem hören wollte.

Kriminal-Bezirksinspektor Hans Landauer, selbst Überlebender des KZ Dachau, reist im Jahr 1966 nach Jennersdorf um dort zu ermitteln. 21 Jahre nach dem Ende des Krieges und 21 Jahre, nach den ersten Erhebungen zu der Ermordung von mehr als 100 ungarischen Juden. Landauer reist jedoch nicht, weil die österreichischen Behörden nun alles daran setzen, die Naziverbrechen aufzuklären, er reist im Zuge einer Amtshilfe für die Staatsanwalt Mannheim. Dorthin fand nämlich – unklar bleibt, ob durch eine Nachlässigkeit oder durch bewusstes Handeln – eine Anzeige aus dem Jahr 1957 den Weg aus den Tiefen einer österreichischen Amtsschublade.

Im Jahr 1957 hatte eine Jennersdorferin, Anna Koinegg, den Vater ihres Kindes als Mittäter beim Massaker an den Juden im Frühjahr 1945 angezeigt. Die Anzeige wurde ordnungsgemäß aufgenommen, sorgsam von Amtsstube zu Amtsstube weiter gereicht und konnte solcherart erfolgreich der weiteren Behandlung entzogen werden. Denn im Nachkriegsösterreich waren die alten Nazi-Seilschaften bald wieder in Amt und Würden gelangt, mussten sich kaum vor Strafverfolgung fürchten und durften sich als angesehene Bürger unseres Landes unbehelligt ein gemütliches Leben führen. In Justiz und Polizei ebenso wie in vielen anderen Bereichen.

So ist es ein glücklicher Zufall, dass die Anzeige der Anna Koinegg aus diesem Filz herausfand.

Manfred Wieninger bettet die Fakten der Untersuchungen in eine Art Spieldokumentation ein, verbindet deren Szenen mit Kommentaren und Erklärungen zum Geschehen. Reale und erdachte Personen machen damit die Beschreibung der Ermittlungs Landauers zu einer packenden Handlung.

Landauer findet nur wenige Menschen, die ihn unterstützen, in der überwiegenden Mehrzahl können die von ihm Befragten sich an rein gar nichts mehr erinnern oder winden sich in ihren Angaben um keinesfalls eigene Mitschuld einzugestehen. Keiner war dabei, viele haben nichts gewusst, wenige können sich erinnern, aber auch das nur unklar.

Landauer hat in seinen Unterlagen auch Aussagen aus dem Jahr 1945 dabei, die bei seinen Ermittlungen nützlich sein könnten. Doch auch diese wurden damals in Schubladen vergraben und nicht weiter verfolgt; nun sind die Zeugen nicht mehr am Leben und ihre Aussagen nicht mehr verwendbar.

Lange Zeit bleibt es sogar – im Sinne einer Beweisbarkeit vor Gericht – unbewiesen, dass das Jennersdorfer Massaker überhaupt stattgefunden habe. Erst durch die Hilfe von Simon Wiesenthal kann Landauer wenigstens das unzweifelhaft beweisen.

Vielleicht ist die Wortwahl der Bedeutung der Sache zwar nicht wirklich angemessen: spannend! Wieningers Roman-Dokumentation ist regelrecht spannend zu lesen. Spannend, wenn man nicht weiß, wie es am Ende ausging und bedrückend, wie man liest und erfährt, was alles unternommen wurde, um den Opfermythos Österreichs in allen Ebenen aufrecht zu erhalten.

Es dauerte nach Landauers Ermittlungen noch Jahrzehnte, bis auch das offizielle Österreich die Mitschuld an den Verbrechen während der Nazidikatur eingestand ..

Persönliche Nachbemerkung:
Der Bezug zu unserer Gegenwart

Im Gedenkjahr 2018 wird auch viel nachgefragt, wie denn die Österreicherinnen und Österreicher zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit unseres Landes stehen. Da hört man – von Jungen und von Alten – dass man nicht (noch) immer die Verantwortung für etwas übernehmen möchte, das man schon aus Altersgründen nie getan haben konnte; dass einmal Schluss sein müsste damit.

Ich kenne jedoch niemanden und habe auch nie davon gelesen, dass man den heute Lebenden die Verantwortung aufhalsen möchte. Aber das Erinnern ist eine fundamentale Notwendigkeit. Das Erinnern und das Unterbinden aller Versuche, wieder solche Vorgänge zuzulassen, wie sie zur Naziherrschaft und zu Hass und Mord führten; und das Eingestehen, dass viele der eigenen Vorfahren aktive Protagonisten oder Unterstützer der Naziherrschaft waren.

Die Realtität aber ist: in kleinformatigen Zeitungen, auf den Facebookseiten einschlägiger “Politiker” in Österreich und Deutschland werden ungestraft Ausgrenzung, Antisemitismus, Lügen über anders Denkende und Aufrufe zur Gewalt verbreitet. Das ist fatalerweise längst kein Phänomen mehr, das sich nur hierzulande zeigt – nationalistische Dummheiten, zunehmende Agressivität und Rassismus breiten sich von den USA über Europa bis Russland über den Globus aus wie eine ansteckende Krankheit.

Es ist längst Zeit, dem entgegen zu wirken, wo immer es möglich ist. Nicht durch Parolen und Demagogie sondern durch Erklärungen und Überzeugen. Es ist Zeit für die Rückkehr der Demokratie – auch und vor allem in den Köpfen derer, die sie aus Eigennutz mutwillig aufs Spiel setzen.


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