Buchbesprechung/Rezension:

Richard J. Evans: Das Dritte Reich und seine Verschwörungstheorien
Wer sie in die Welt gesetzt hat und wem sie nutzen


verfasst am 20.10.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Evans, Richard J., Geschichte
LiteraturBlog Bewertung:

Verschwörungstheorien, das sind doch Symptome der ungefilterten Dauerberieselung mit Nachrichten über Social Media und somit ein Thema des 21. Jahrhunderts, oder? Mitnichten, Verschwörungstheorien plagen die Menschheit schon seit ewigen Zeiten, erlangen jetzt nur viel schnellere und größere Verbreitung durch das Internet.

Der englische Historiker Richard J. Evans ist einer der führenden Experten zur Geschichte des Dritten Reiches, seine Expertise fließt nicht nur in Bücher, sondern oft auch in TV-Dokumentationen ein.

Für Evans ergab sich wohl aus der immer weiter ansteigende Woge an Falschinformationen und bewusst gestreuten Unwahrheiten, mit denen wir tagtäglich überflutet werden, der Ansatz, dieses Thema und seine Wirkung in der Zeit des Nationalsozialismus zu analysieren.

Evans‘ Ärger über die große Zahl an selbsternannten Historikern, die noch immer irgendwelche Schauergeschichten über Hitler und dessen Kumpane verbreiten und dabei oft den Nationalsozialismus verharmlosen und den Holocaust relativieren, ist in beinahe jedem Absatz dieses Buches spürbar. Solche Leute finden bei Evans, und das mit Recht, Erwähnung als wichtigtuerische Selbstdarsteller, als simple Geschäftemacher oder als rechtsextreme Ideologen, die „wissenschaftliche Beweise“ erfinden, die einander immer wieder gegenseitig quasi zur Bestätigung ihrer wirren Thesen bestätigen.

Worum es im Buch geht:

Verstärkt im 19. Jahrhunderts, sicher auch als Folge des im Nachhall der Revolutionszeiten ansteigenden Nationalismus in Europa, wurde der Antisemitismus eine Ideologie, die immer breitere Bevölkerungsschichten mit sich zog und die immer mehr zur Tagesordnung gehörte. Folgerichtig entstammen die Verschwörungstheorien auch aus allen möglichen Ecken der Gesellschaft (und keineswegs nicht nur von ganz rechts).

Beispielhaft für eine insgesamt kaum überschaubare Menge an solchen Geschichten analysiert Evans sehr detailliert fünf der bekanntesten und am weitesten verbreiteten Verschwörungstheorien:

  • Die erfundenen „Protokolle der Weisen von Zion„, nach denen es ein weltweites Netzwerk von Juden gäbe, die die Weltherrschaft an sich reißen würden
  • Die Dolchstoßlegende, nach der das Deutsche Heer im 1. Weltkrieg unbesiegt gewesen wäre und sich nur durch Verschwörungen im eigenen Land geschlagen geben musste.
  • Der Reichstagsbrand im Jahr 1933, der es Hitler ermöglichte, noch schneller die absolute Macht in Deutschland zu erlangen
  • Der Flug von Rudolf Heß nach Schottland im Jahr 1941, der angeblich ein Friedensangebot im Name Hitler überbringen sollte
  • Die Legende, dass Hitler gar nicht im Bunker Selbstmord begangen hätte, sondern nach Südamerika (oder wohin auch immer) fliehen konnte.

Die einzelnen Kapitel lesen sich dabei spannend wie historische Romane und erklären mit einer enormen Menge an Informationen, wie sich ausgehend von einem kleinen Personenkreis – wenn nicht sogar einer einzelnen Person – in allen diesen Fällen willige Verteiler fanden, die die Geschichten weiter trugen, erweiterten und wieder neue Verteiler fanden. Wie „Stille Post“ aber eben mit weitaus dramatischen Folgen in der realen Welt.

Auch wenn auf Antisemitismus und Verschwörungstheorien den Rechtsextremisten beileibe kein Monopol haben, so ist es doch Tatsache, dass der größte Anteil genau von dort entstammt und betrieben wird. Rechtsextremisten haben das immer wieder zum Anlass und als Rechtfertigung  für Gewaltausübung genommen und betreiben diese Taktik auch heute noch.

So lässt sich nicht nur nachlesen, wie die im Buch beschriebenen Verschwörungstheorien entstanden und welche Auswirkungen sie hatten; es lässt sich auch nachlesen, wie die ganz offensichtlich erfundenen Geschichten bis heute nachwirken und wie sie bis heute als „anerkanntes Wissen“ unter den Verschwörungs-Gläubigen angesehen werden und kursieren.

Aus der Geschichte über die angebliche Flucht Hitlers ergibt sich zum Beispiel auch die unter Rechtsextremisten gerne geteilte Behauptung, dass Angela Merkel die Tochter Hitlers sei.

So sehr alles das, über das Evans berichtet, für jeden halbwegs intelligenten Menschen rasch als Erfindung oder Lüge erkennbar ist, so erschütternd ist es, wie solche Geschichten (und ihre Entsprechungen in unserer Gegenwart) eben nicht nur unter Rechtsextremisten, sondern auch unter Menschen, die sich selbst im Gegenteil für besonders gescheit und weltoffen betrachten, auf fruchtbaren Boden fallen.

Am Ende, auch das eine bedrückende Erkenntnis dieses Buches, gelingt es den Extremisten immer wieder, mit ihren Thesen und Ideologien in die Mitte der Gesellschaft vorzustoßen. Und, das die weitere Erkenntnis, es ist viel einfacher, mit solchen Lügen Menschen zu ködern, als diese Menschen mit Fakten von der Realität zu überzeugen.

Somit empfiehlt sich Evans‘ Buch sowohl als historische Lektüre als auch als Analyse darüber, wie extremistische Ideologien mit Erfolg an leichtgläubige Menschen herangetragen werden.




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