Buchbesprechung/Rezension:

Tim Blanning: Glanz und Größe
Der Aufbruch Europas 1648 – 1815

Glanz und Größe
verfasst am 29.11.2022 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Blanning, Tim, Geschichte
Buchbesprechung verfasst von :
LiteraturBlog Bewertung:

Es ist ein wirklich beeindruckendes Buch, das ein sehr umfassenden Bild der Zeit zwischen 1648, dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, und 1815, dem Ende von Napoleons Eroberungskriegen zeichnet.

Umfassend deshalb, weil die meisten der Aspekte des Lebens, der Politik, von Wissenschaft und Technik, Wirtschaft und Gesellschaft in Einzelheiten beschrieben werden, die einen wirklichen Einblick in die Zeit erlauben.

Die Gegenüberstellung von parallelen Entwicklungen an unterschiedlichen Orten, der Vergleich der Systeme der Staaten Europas und deren Evolution über die Jahrzehnte, die Erklärungen dazu, wie die gegenseitigen Abhängigkeiten der Verlauf der Geschichte bestimmten – das alles macht vieles (noch) verständlicher, was man ansonsten aus Bücher und Publikationen über die Einzelthemen erfährt. Eine Zusammenführung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse, die dieses alte Europa, dieses Europa an der Schwelle zur Neuzeit, erst so richtig begreifbar macht.

Wenn man bei „Glanz und Größe“ von einem Standardwerk spricht, dann ist das nicht übertrieben, sondern weist diesem Buch genau den Wert zu, den es hat.

Was sich nun vielleicht nach einem mühevoll zu lesenden Wälzer anhört, beschreibt tatsächlich ein wirklich leicht lesbares, schwungvolles und spannendes Buch, das nicht nur allgemein Bekanntes zusammenfasst, sondern das um eine Vielzahl an Anekdoten ergänzt und vervollständigt, mit denen zu den Fakten auch noch Atmosphäre hinzukommt.

Neben Dokumentation der damaligen Verhältnisse liefert das Buch natürlich auch (wenn auch indirekt) einen Überblick darüber, wie sich die Welt seit dem Jahr 1815 verändert hat. Technisch, wissenschaftlich, gesellschaftlich, politisch, moralisch.

Am Frauenbild und daran, wie die männerdominierte Welt damals die Frauen betrachtete und „bewertete“, sieht man beispielsweise, wie sich zwar in unseren Breiten das offizielle, das gesetzlich verankerte Recht der Frauen auf Gleichberechtigung durchsetzte, wie erst nach dem Ende der Unterdrückung dieser als Menschen 2. Klasse unterdrückten Hälfte der Bevölkerung die moderne Gesellschaft westlicher Prägung entstehen konnte. Man sieht aber auch, dass das in den Köpfen vieler Männer bis heute nicht angekommen ist, ganz zu schweigen, von ganzen Kulturkreise, die Frauen auch heute noch unterdrücken und sie als minderwertig einstufen.

Eine stetige und lineare Entwicklung findet man, mit Zahlen und Fakten unterlegt, hingegen in den Bereichen Verkehr, Medizin, Bevölkerung, Religion, Kunst, Rechtsprechung, etc.

Wie lange dauerte eine Reise und wie verkürzte sich diese Reisezeit auch schon in der Vor-Eisenbahnära. Wie beeinflussten Wirtschaft und Krankheiten die Veränderungen bei den Bevölkerungszahlen, wie verschoben sich die Machtzentren im Laufe der Zeit. Nur drei der vielen Themen, über die man liest und dabei vieles lernt oder in Relation setzen kann zu dem, was man schon weiß.

Schlussendlich ist das Verständnis der vergangenen Jahrhunderte auch unabdingbar, wenn man das Europa von heute verstehen möchte –  und dabei den unglaublichen Wert erkennen kann, den eine Organisation wie die EU hat auf einem Kontinent, der sich bis vor wenigen Jahrzehnten vor allem über Machtspiele und Kriege definierte.

Die von Nationalisten beschworene „Erbfeindschaft“ zwischen Frankreich und den deutschen Ländern bezieht sich auf die schier endlosen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Staaten, die im betrachteten Zeitraum in einer Folge in kriegerische Konflikte mündeten. Überhaupt sieht man in der Gegenüberstellung der zeitlichen Abläufe, wie in der ganzen Zeit es an mindestens einer Stelle, wenn nicht zeitgleich an mehreren, mit unterschiedlichen Beteiligten, Kriege um Länder, Grenzen und Einflussbereiche gab. Wechselnde Allianzen und persönliche Ambitionen und Geltungssucht der Herrscher sorgten dafür, dass jedem Friedensvertrag bald unweigerlich ein neuer Krieg folgte. Würde man heutige Reisezeiten zugrunde legen, dann käme man innerhalb von ein paar Stunden Fahrzeit von einem Kriegsschauplatz zu nächsten, oft trifft man dabei einzelne Kriegsparteien gleich an mehreren dieser Brennpunkte.

Als Klammer über die vielen Publikationen, die über einzelne Bereiche und Ereignisse im betrachteten Zeitraum erhältlich sind, ist „Glanz und Größe“ eine wertvolle und für Geschichtsinteressierte beinahe unverzichtbare Lektüre.

Besondere Stärke hat das Buch in zwei Bereichen: die beinahe unüberschaubare Menge an Daten und Fakten so zu präsentieren, dass man dennoch jederzeit den Überblick behält; und die Zusammenhänge und Entwicklungen präzise, nachvollziehbar und immer auch unterhaltsam zu beschreiben.




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