Buchbesprechung/Rezension:

Oliver Hilmes: Schattenzeit
Deutschland 1943: Alltag und Abgründe

Schattenzeit
verfasst am 25.01.2023 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Geschichte, Hilmes, Oliver
Buchbesprechung verfasst von :
LiteraturBlog Bewertung:

Zu jedem Monat des Jahres 1943 ist das Geschehen nachzulesen – was die Naziführer an neuem Gräuel beschließen, wie Menschen verschleppt werden, wie hunderttausendfach im Krieg gestorben wird. Das zusammen genommen reicht aus, einem kalte Schauer über den Rücken laufen zu lassen – es sind Momente aus dem Alltag eines Landes im Krieg, mitten in einer wahrhaften Apokalypse.

Da sind die Kriegstreiber, die unbarmherzig und völlig gewissenlos an der Gewaltspirale immer schneller drehen. Da sind die Gehilfen dieser Kriegstreiber, denen es nicht reicht, dass ihre eigenen Väter, Söhne, Enkel an den Fronten wie die Fliegen sterben – sie bringen den Tod in ihre eigene Heimat, zu ihren eigenen Nachbarn und Landsleuten; quälen, verschleppen und ermorden Juden und wahllos die wirklichen und vermeintlichen Feinde des Regimes.

Sie alle leben zur selben Zeit gar nicht weit voneinander entfernt und sind dennoch Welten voneinander getrennt: Göring, Goebbels, Freihsler, Hitler und die noch immer fanatischen Parteigenossen, die alle denunzieren, die sich nicht konform verhalten, auf der einen Seite – auf der anderen Seite ein paar wenige, die noch Widerstand leisten, die vielen, die nur noch überleben wollen und die, die in ihren Verstecken jede Sekunde mit der Entdeckung und dem Tod rechnen müssen. Über allen, Nacht für Nacht, Tag für Tag die Bomber der Alliierten. Erich Kästner schieb dazu am 1. März folgenden Witz in sein Tagebuch, der doch genau beschreibt, wie es war:

Wenn die Engländer noch ein paar Mal so kommen, müssen sie sich die Häuser selber mitbringen

Diese Atmosphäre fasst Oliver Hilmes zusammen, indem er Blitzlichter einmal dahin, einmal dorthin richtet, und damit die Szenen des durch nichts mehr zu verhindernden Unterganges einfängt.

Wie es damals für die einzelnen Menschen war, das werden wir, die wir nie mitten in einem Krieg oder einem solchen Terrorregime leben mussten, nie verstehen können. Oliver Hilmes gelingt es aber dennoch, ein wenig von diesem Gefühl der Angst und Verzweiflung, der Verbohrtheit und des Fanatismus (je nachdem worüber und über wen man gerade liest) entstehen zu lassen.

So viel man über diese Zeit auch schon gelesen oder gesehen hat, es bleibt doch unfassbar. Mit den Szenen aus dem Jahr 1943 führt dieses Buch dazu noch mitten hinein in diese verstörende Zeit, in der es so etwas wie Normalität nicht gab.

Mitten im Krieg

In diesem Jahr gab es einiges, das bis heute geschichtliche Bedeutung und Wirkung hat: die Niederlage der Deutschen Wehrmacht in Stalingrad, Goebbels Sportpalastrede („Wollt ihr den totalen Krieg?“), die Ermordung der Geschwister Scholl, Josef Mengele wird Lagerarzt in Auschwitz, Mussolini wird befreit, die Alliierten landen auf Sizilien.

Man verfolgt, fast das ganze Jahr lang, die letzten Monate im Leben des großartigen Pianisten Karlrobert Kreiten, der durch unbedachte Worte einer Bekannten gegenüber in den Strudel aus Fanatismus, Denunziation und Gewissenlosigkeit geriet. Seine Ansichten, dass der Krieg verloren und Hitler ein Wahnsinniger sei, brachten ihn in die Fänge der Gestapo und vor den Volksgerichtshof, wo er vom geifernden „Richter“ Roland Freisler zum Tode verurteilt wurde. Wehrkraftzersetzung nannten die Nazis das und unter diesem Vorwand wurden tausende ermordet. Kreiten war am 7. September 1943 einer von 250, die in einem Hinterhof des Gefängnissen Berlin-Plötzensee hingerichtet wurden.

Hans Rosenthal, Henning von Treskow, Viktor Klemperer, Werner Höfer – über sie alle (und viele weitere) ist zu lesen, gibt es Aufzeichnungen aus der Zeit und darüber, welche Rolle sie im Dritten Reich einnahmen – Verfolgte oder Kollaborateure. Einige haben überlebt, einige wurden Opfer des Regimes, einige war Mittäter und blieben nach dem Ende Nazideutschlands unbehelligt.

Es steckt viel Recherchearbeit in diesem Buch, das trotz der Menge an Details dennoch nur einen schmalen Ausschnitt der Verhältnisse zeigen kann. Fakten alleine aber reichen nicht, um ein klares Bild der Atmosphäre, der Ängste und der Verbohrtheit zu zeichnen – dazu muss man sich auch in die Zeit hineinversetzen können. Das gelingt Oliver Hilmes in, nach meinem Gefühl, beeindruckender Art und Weise: Er ordnet die ausgewählten Themen in das Zeitgeschehen ein und formt daraus, wie es der Titel des Buches schon sagt, ein Porträt des Alltags und der Abgründe einer dunklen Zeit. 

Ein Buch über die Zeit des Nationalsozialismus, das sich mit dem befasst, was abseits der „großen“ Ereignisse ablief und das ein wenig verstehen lässt, wie es gewesen sein muss, damals gelebt zu haben.

PS: .. und dann gibt es bei uns heute diese widerlichen Zeitgenossen, die sich einen Judenstern aufnähen, weil sie während der Corona-Pandemie angeblich verfolgt wurden. 




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