Buchbesprechung/Rezension:

Theodor Fontane: Jenseits des Tweed
Bilder und Briefe aus Schottland

Jenseits des Tweed
verfasst am 03.01.2023 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Fontane, Theodor, Reiseberichte
Buchbesprechung verfasst von :
LiteraturBlog Bewertung:

Es ist das Jahr 1858: Queen Victoria ist seit 19 Jahren auf dem Thron, das deutsche Kaiserreich wird erst in 14 Jahren gegründet, in den USA ist James Buchanan, der Vorgänger von Abraham Lincoln, Präsident, in Wien regiert Franz Josef I, an seiner Seite Kaiserin Elisabeth und die Arbeiten an der Ringstraße haben gerade erst begonnen.

Das sind ein paar der historischen Daten aus der Zeit, als Theodor Fontane gemeinsam mit seinem Freund Bernhard von Lepel, einem Schriftsteller, von London aus zu einer Rundreise durch Schottland aufbricht. Die Eisenbahn, man erreicht eine Spitzengeschwindigkeit von immerhin rund 65 km/h, bringt die beiden nach Edinburgh, dem Ausgangspunkt ihrer Reise.

Heutzutage würde man einen Bericht über so eine Reise auf diversen Social Media Kanälen finden, sicher mit vielen Selfies und Bildern von Speisen und Getränken.

Bei Fontane wurde der Bericht über diese Reise eine Mischung aus Reisebericht mit detaillierten Beschreibungen von Sehenswürdigkeiten und persönlichen Eindrücken. Schottland ist zudem ja auch der Schauplatz einer Vielzahl historischer (und mythischer) Ereignisse und das gibt dem Erzähler Fontane genügend Möglichkeiten, über diese Orte und Gebäude deren Geschichte zu erzählen, wer dort lebte und was sich quer durch die Jahrhunderte dort zutrug; es ist eine umfassende Sammlung an Episoden und Anekdoten, die belegt, wie sehr sich Fontane mit dem Land und den Leuten beschäftigte. Dass man dabei nichts über das „Ungeheuer von Loch Ness“ liest, darf nicht verwundern; diese Geschichte wurde nämlich erst im 20. Jahrhundert berühmt und zum Besuchermagneten.

Passende Bilder dazu und auch die Reiseroute lassen sich dann ganz leicht online finden bzw. nachvollziehen. Diese Route verläuft von Edinburgh nach Sterling, nach Norden nach Perth und Inverness. Weiter von der Ost- an die Westküste: vorbei am Loch Ness nach Oban und Staffa. Schon auf dem Rückweg reisen Fontane und Lepel über Loch Lomond zurück nach Edinburgh. Eine Reiseroute, die sicher auch heute noch empfehlenswert ist.

Es entsteht, erzählt anhand der Stationen der Reise, ein Überblick über die Geschichte Schottlands in den zurückliegenden Jahrhunderten. Fontane besuchte Schlachtfelder – von denen es genügend gibt – die von der andauernden Auseinandersetzung der Schotten mit den Engländern erzählen. Man begleitet ihn zu den Orten, an denen Mary Stuart lebte, erfährt von ihm etwas über die Machtverhältnisse, Intrigen und welche Bedeutung die Clans hatten und haben. Nur dann, wenn Fontane die Häuser, Kirchen, Burgen und Schlösser oft bis ins kleinste Detail beschreibt, wünscht man sich gelegentlich, dass es doch auch Abbildungen gäbe – denn mit so viel Beschreibung von Räumen und Gängen kann man sich darin schon einmal verirren.

Insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass es zu beinahe jedem Quadratmeter Schottlands eine alte Legende oder eine historische Begebenheit gibt – das ganze Land eine schier unerschöpfliche Quelle an Geschichte und Geschichten.

Vieles von dem, was Fontane sah, kann man auch noch heute besuchen, einiges ist verschwunden und nur noch Erinnerung. Vor allem hat sich die Art zu reisen geändert. Sind es heute wohl meist das Auto und manchmal die Bahn, die einen voranbringen, so waren Fontane und Lepel zum einen weitaus gemächlicher und zum anderen im Landesinneren per Kutsche, streckenweise mit der Bahn und sehr oft mit dem Schiff unterwegs.

Das Buch ist eine großartige Beschreibung Schottlands, seiner Menschen und seiner Geschichte. Sehr empfehlenswert (auch heute noch) als Lektüre, wenn man das Land besuchen möchte oder zum Nachlesen, wenn man es besucht hat oder einfach als zeitloses Lesebuch über ein faszinierendes Land.




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