Frederick Taylor: Der Krieg, den keiner wollte
Briten und Deutsche: Eine andere Geschichte des Jahres 1939

verfasst am 24.08.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Geschichte, Taylor, Frederick

September 1938: noch ein Jahr bis zum Krieg! Es wurde das Jahr, in dem der Jahrtausendverbrecher Hitler die Welt vor sich her trieb, um sie am Ende in eine wahre Hölle zu stürzen.

Wie erlebten die Menschen diese 12 Monate vom September 1938 bis zum 1. September 1939, dem Tag als Hitler mit dem Befehl zur Invasion Polens den 2. Weltkrieg auslöste? Was passierte abseits der Vorgänge in den Staatskanzleien und den Generalstäben?

Geschichtsbücher und historische Dokumentationen beschäftigen sich erst nachrangig mit dem Alltagsleben. So wissen wir zwar recht detailliert darüber Bescheid, was Hitler und Mussolini planten und wie Chamberlain und Roosevelt darauf reagierten. Wie das alles aber auf die einzelnen Menschen wirkte, wie die Bevölkerung diese Zeit erlebte, ist aus historischer Sicht von etwas geringerem Interesse und wird somit meist nur nebenbei behandelt.

„Der Krieg, den keiner wollte“ beschäftigt sich nun hauptsächlich damit: dem Schicksal und den Ängsten und Hoffnungen der Menschen in Großbritannien und in Deutschland.

In dieser Darstellung wird der Unterschied zwischen dem totalitären Staat Deutschland und der Demokratie in Großbritannien ganz besonders deutlich. Gesteuerte Meinungsmache auf der einen Seite gegen freie Meinungsäußerung auf der anderen; die zum Schweigen gebrachte Opposition hier gegenüber offener Kritik an der Politik der Regierung dort. 

Hitler und die Nazis kontrollierten die Nachrichten, die den Deutschen vorgelegt wurden, bis ins Detail und vermochten es, damit die Aggressionen gegen einzelne Gruppen und bestimmte Länder ganz bewusst anzuheizen und zu kanalisieren. Gerade in diesen 12 Monaten entwickelte die Propaganda-Maschinerie der Nazis ein an Perfektion grenzendes System der Meinungsbeeinflussung, aufgebaut auf Lügen. Diese von Goebbels betriebene Propaganda überschwemmte das Land und vermochte es, auch eine Vielzahl der wenigen verbliebenen kritischen Geister im Sinne der NS-Ziele beeinflussen und zu überzeugen.

In diesen Zeitraum fielen einige der Ereignisse, die in Folge in gerader Linie zum 2. Weltkrieg und zum Holocaust führten: die sog. „Reichskristallnacht“, die Sudetenkrise, die Annexion der Tschechoslowakei, die Krise um Danzig. Hitler schob die Grenzen des Machbaren immer weiter hinaus, bis er am 1. September 1939 mit den Einmarsch in Polen den Bogen endgültig überspannte.

Premierminister Neville Chamberlain auf der anderen Seite, der Appeasement-Chamberlain, ließ sich von der Verlogenheit des „Führers“ viel zu lange blenden und wurde für seine scheinbare Sicherung des Friedens in der Heimat kurzzeitig gefeiert. Erst spät akzeptierte er, dass mit Hitler keine dauerhaften Verträge abgeschlossen werden konnten und dass er von deutschen Kanzler fortwährend belogen und sein Streben nach Frieden benutzt worden war, um Hitler Zeit für weitere Aufrüstung zu verschaffen.

Die Menschen in beiden Ländern einte die Angst vor einem neuen Krieg; nur wenig Zeit war seit dem grausamen 1. Weltkrieg vergangen, viele Menschen konnten sich noch ganz genau daran erinnern, niemand wollten eine weitere derartige Katastrophe miterleben. Die Menschen schwankten andauernd hin und her zwischen dem Glauben an dauerhaften Frieden und der Furcht vor einem baldigen Ausbruch von Kämpfen.

Man hielt sich an diese oder jene Aussage der Politiker, hoffte, ohne Gewissheit zu haben. Jeder Tag brachte neue Nachrichten, nichts schien in diesen 12 Monaten von Dauer zu sein, nichts war zu hören und zu lesen, woraus man mit Sicherheit einen dauerhaften Friedens erwarten konnte.

Diese gegenüber den meisten Geschichtsbüchern abweichende Erzählperspektive macht „Der Krieg, den keiner wollte“ zu einem nicht nur faktenreichen sondern auch zu einem erschütternden Buch.

Es ist sehr anschaulich nachlesbar, wie es sich anfühlt, wenn einzelne Politiker, ohne die Schranken irgendeiner demokratischen Kontrolle – aber ursprünglich ausgehend von einer frenetischen Zustimmung weiter Kreise der Bevölkerung – ungehemmt agieren können.

Zum Abschluss: ein Blick in die Gegenwart

„Das Recht hat der Politik zu folgen“. Ein Satz, der genau die Vorgangsweise der Nazis in der Vorkriegszeit beschreibt und nach dem sie gewissenlos agierten. Aber dieser Satz stammt aus dem Jahr 2019 und kommt aus dem Mund des damaligen Österreichischen Innenministers Herbert Kickl, führendes Mitglied der rechtspopulistischen FPÖ. Und dieser ehemalige Innenminister und seine Parteikameraden bedienen sich heute auch genau jener Angstmacherei und lancieren erfundene Horrorgeschichten über bestimmte Gruppen von Menschen um Angst und Wut zu erzeugen. Nicht zu vergessen Kickls Versuch, kritische Medien von Informationen abzuschneiden. Das alles erinnert sehr an das, was die Nazis im Vorfeld des Krieges zu dessen Vorbereitung betrieben.

Womit ich die gegenwärtige Weltlage vor mir sehe, in der die Rechtspopulisten an allen möglichen Ecken der Welt jeden Tag mit Worten zündeln und man nicht wissen sein kann, wo und wann und ob diesen ekelhaften Zündlern Einhalt geboten wird, bevor aus Worten wieder Katastophen werden.



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