Buchbesprechung/Rezension:

Brendan Simms, Charlie Laderman: Fünf Tage im Dezember
Von Pearl Harbor bis zur Kriegserklärung Hitlers an die USA – Wie sich 1941 das Schicksal der Welt entschied

verfasst am 27.11.2021 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Geschichte, Laderman, Charlie, Simms, Brendan
Buchbesprechung verfasst von :
LiteraturBlog Bewertung:

Ab dem 7. Dezember 1941 wurde der Krieg, den Hitler zwei Jahre zuvor entfesselt hatte, zum Weltkrieg. Das war der Tag, an dem Japan die US-Flotte in Pearl Harbour angriff und in dessen Folge Hitler den USA den Krieg erklärte.

Was bis dahin viele regionale, wenn auch brutale und bereits Millionen an Opfern fordernde, Kriege waren, wurde von den Achsenmächten innerhalb der fünf Tage im Dezember auf den ganzen Globus ausgeweitet. In unglaublicher Überschätzung des eigenen Potenzials und obwohl es  in Japan genügend warnende Stimmen gab, begann das Kaiserreich den Krieg gegen die USA und setzte damit den endgültigen Startschuss für den globalen Krieg.

Das erste Kapitel ist zunächst eine Zusammenfassung der Ereignisse, die die Welt überhaupt erst an diesen Punkt, in diese Situation gebracht hatten: Krieg in Europa, die Nazis scheinen zunächst unaufhaltsam zu sein, Hitler hat das Unternehmen Barbarossa, das die Sowjetunion vernichten sollte, befohlen. In Afrika, im Fernen Osten wird gekämpft. Es sind diese Informationen, die die im Dezember 1941 eskalierende Lage erklärbar machen – und zugleich aufzeigen, dass es niemals eine Rechtfertigung dafür gab, wie sie die Achsenmächte für sich in Anspruch nahmen.

Die Entscheider

Es sind primär drei Hauptprotagonisten, deren Handlungen und Entscheidungen Simms und Ladermann in diesem Buch folgen: Franklin D. Roosevelt, der die Balance halten muss zwischen der im eigenen Land überwältigenden Ablehnung einer Kriegsteilnahme in den USA und der mehr oder weniger offenen Unterstützung Englands und später auch der Sowjetunion. Winston Churchill, lange Zeit der Repräsentant des einzigen in Europa verblieben Bollwerks gegen die Nazis und stets mit der Frage beschäftigt, wie sehr er auf die USA als Verbündeter zählen kann. Adolf Hitler, der getrieben von Verschwörungswahn und Menschenverachtung für die Deutschen die Vormachtstellung in der Welt erringen will, egal zu welchem Preis.

In Japan wird man eine einzelne Figur, die für die Aggression des Kaiserreiches steht, zunächst vergeblich suchen. Politiker, Militärs und der Kaiser boten kein einheitliches Bild, es gab unterschiedliche Strömungen, erst wenige Wochen vor dem Angriff auf Pearl Harbour wird der neu ernannten Ministerpräsident Tōjō Hideki zu einer Art Galionsfigur der Kriegstreiber. Stalin und die Sowjetunion waren bei den Ereignissen im Pazifik nur Zuseher; Pearl Harbour und die Folgen stärken aber schon bald deren Position gegenüber Nazideutschland, das selbst bereits im Spätherbst 1941 die eigenen Ressourcen an Menschen und Material zum großen Teil verbraucht hatte, noch bevor mit den USA ein noch stärkerer Gegner in den Krieg gezogen wurde.

Wie Japan seine Lage sah

Als sich Japan, infolge der wegen der eigenen Aggression gegen China und Südostasien verhängten Sanktionen seitens der USA immer weiter in die Enge gedrängt sah, blieb der japanischen Führung, jedenfalls nach deren Überzeugung, kein anderer Ausweg, als mit einem Überraschungsangriff auf Pearl Harbour zu versuchen, die weitaus potenteren USA zurückzudrängen.

Ein in Simms‘ und Ladermans Analyse oftmals eingebrachter Aspekt ist jener, wie die Einstellung USA und auch Großbritanniens gegenüber Japan von Überheblichkeit und Geringschätzung geprägt war. Überheblichkeit, weil man sich nicht vorstellen konnte, dass es jemand mit dem überwältigenden industriellen Potenzial der USA aufnehmen wollte und Geringschätzung, weil man der japanischen Nation es aus einer schon fast rassistischen Perspektive heraus, einfach nicht zutraute, über das militärische und technische Know-How zu verfügen, das einen Angriff ermöglichte.

Was nichts an der Kriegsschuld Japans änderte, aber zugleich auch den Blick für mögliche friedliche Auswege versperrte.

Am Vorabend des Angriffes

In den Tagen und Wochen vor dem Angriff wird spekuliert und taktiert, alles hängt von den nächsten Schritten ab, die Roosevelt und die USA unternehmen werden. Die Anspannung, die damals allerorts herrschte, wird mit den knappen Erklärungen, die Simms und Laderman dazu geben, wer, wann, welche Züge setzte, wer von wessen Entscheidung abhing, direkt spürbar. Telegrammartig, gewissermaßen in Echtzeit ist nachzulesen, was in den Tagen, Stunden, Momenten in den Entscheidungszentren geschah, bevor die ersten japanischen Bomben auf amerikanische Schiffe fielen.

Der Wendepunkt des 2. Weltkrieges, das wird deutlich, war also nicht erst der Jahreswechsel 1942/1943 (mit Brennpunkten wie Stalingrad, El Alamein, Guadalcanal – Schauplätze, auf denen die Achsenmächte besiegt  wurden), sondern bereits der Dezember 1941. Zwar würde die Ausdehnung bzw. der Angriffswelle der Achsenmächte noch ein weiteres Jahr weiter gehen, doch ab Dezember 1941 konnte es keinen Zweifel mehr am Ausgang des Krieges geben.

Pearl Harbour als „Gamechanger“

Als Japan in unglaublicher Fehleinschätzung die USA angriff und als Hitler, in einem weiteren von Größenwahn getriebenen Entschluss, wenige Tage später den USA den Krieg erklärten. Nun erst konnte Roosevelt die Kriegsanstrengungen der USA mit mehrheitlicher Zustimmung durch die eigene Bevölkerung maximieren. Nachdem sein Land in der Position des Angegriffenen war,  drehte sich, auch in Folge breit ausgelegter Öffentlichkeitsarbeit, die Meinung im Land.

Der Pazifik war im 2. Weltkrieg ein scheinbar so unglaublich weit entfernter Kriegsschauplatz, mit den beiden Hauptgegnern USA und Japan. „Fünf Tage im Dezember“ erklärt, warum der Pazifik eben nicht so weit entfernt war, sondern wie alles mit allem zusammenhing, warum das Geschehen in Europa im Gegenteil eng und unerbittlich mit dem Geschehen auf der anderen Seite des Erdballs verbunden war.

Die Zeit von 1939 bis 1945 ist Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen und wird es auch zukünftig sein. Ebenso wie das Studium der Auslöser des 1. Weltkriegs ist das jedoch keine rein akademische Herausforderung bzw. Betrachtung, sondern auch eine Mahnung, die Fehler, die damals gemacht wurden, nicht zu wiederholen – umso mehr als wir wissen, dass eine weitere globale Auseinandersetzung wohl das Ende der Zivilisation bedeuten würde.

Brendan Simms bietet in allen seinen Büchern immer einen gesamten Überblick. Es sind also nicht nur die politischen und militärischen Aspekte, die detailreich erklärt und eingeordnet werden; es sind auch immer die Erinnerungen aus der Bevölkerung, von ganz normalen Menschen zu beiden Seiten der Fronten, die Erinnerungen derer, die durch die Entscheidungen und das Kriegsgeschehen zuallererst betroffen waren, die man nachlesen kann. Während der Krieg sich ausweitete, lief die Deportation und Ermordung der Juden immer weiter und nahm mit jedem Tag an Grausamkeit zu. Mit diesen Fakten, chronologisch jeweils in Einklang gebracht, erkennt man das Gesamtbild, bekommt eine zumindest kleine Vorstellung davon, wie es ist, in Kriegszeiten zu leben.

„Fünf Tage im Dezember“ ist die umfassende Chronik dramatischer Stunden und Tage, in der diese Dramatik auch wirklich spürbar wird.




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