Johannes Sachslehner : Der Henker
Leben und Taten des SS-Hauptsturmführers Amon Leopold Göth

verfasst am 07.12.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Geschichte, Sachslehner, Johannes

Dank Steven Spielberg ist der Name “Amon Göth” nicht in Vergessenheit geraten. Einer der unzähligen Verbrecher aus der Nazizeit bleibt durch den großartigen Film “Schindlers Liste” für ewig ein Symbol der Barbarei, des Sadismus, der Unmenschlichkeit und des Verbrechens. Und Amon Göth ist ein in aller Welt sichtbarer Beweis, dass Österreich kein unschuldiges Opfer Hitlers war, sondern ein Land der zahllosen willfährigen Gehilfen und der besonders eifrigen Nazis.

Dieses Buch ist keine Biografie sondern vielmehr die Dokumentation über das System der Konzentrationslager, das Leid der Menschen und die Unmenschlichkeit der Unterdrücker. Amon Göth ist dabei der Kristallisationspunkt des Geschehens und das von ihm aufgebaute und beherrschte Lager Plaszow ist der Tatort seiner Verbrechen. Die Opfer, die Täter, die Zustände unter seiner Herrschaft sind das Thema.

Zu Beginn des Buches ein kurzer Auszug aus dem Werdegang des Mannes bis zum Beginn des Weltkrieges. Mehr muss auch nicht sein , denn daran ist nichts wirklich erinnernswert. Es ist letztendlich auch schwer erklärbar noch schwerer verständlich, wie aus dem Sproß einer biederen Verleger- und Buchhändlerfamilie aus Wien ein skrupelloser Massenmörder werden konnte. Diesen Versuch unternimmt der Autor auch gar nicht, denn in diesem Buch geht es um Fakten, nicht um Mutmaßungen oder Spekulationen.

Symbolhaft für die dumme und abwegige “Denkweise” der Nazis ist dabei die Schilderung jener Begebenheit, als Göth sich – es war in einem Kaffeehaus in Wien – sehr lebhaft und interessiert mit einer attraktiven Frau unterhält. Bis ihm einer seiner Genossen zuflüstert, sie wäre Jüdin. Denn selbst gemerkt hätte er das nie; wie denn auch…

Ins Detail geht das Buch mit den Geschehnissen ab 1942. Das Ghetto in Krakau wird aufgelöst, die darin festgehaltenenen Menschen werden teils in die Mordlager wie Auschwitz oder Treblinka in den Tod geschickt, teils in das neue, ein paar Kilometer entfernte Arbeitslager Plaszow getrieben. In das Reich des Amon Göth.

Ich habe schon unzählige Bücher über diese Zeit gelesen, doch die Details, die Grausamkeiten, die Unmenschlichkeit erschüttert mich jedes Mal neu. So wird zB. die schiere Zahl der Morde an Polen mit jüdischen Wurzeln noch grauenhafter, wenn man diese Zahl einmal mit der heutigen Realität in Verbindung bringt:  im Sommer des Jahres 1942 wurden in den Vernichtungslagern pro Tag 25.000 Menschen getötet. Ein Stadt wie Steyr wäre damit in rund 36 Stunden ausgerottet.  Und dieses Morden dauerte damals wochenlang.

Dazu ein Zitat aus dem Buch: SS-Chef Heinrich Himmler schrieb an Odilo Globocnik (ebenfalls Österreicher), den damals für diese sog. “Operation Reinhard” verantwortlichen SS-Führer: “[..] ich glaube sicher, daß Sie in dieser schönen Arbeit Befriedigung finden.” Wie lässt sich der Irrsinn dieser Verbrecher besser dokumentieren…

Der umfangreichste Teil des Buches widmet sich der Zeit von 1942 bis Kriegsende. Überlebende des Holocaust, Überlebende des Lagerterrors und Täter berichten aus eigener Erinnerung.

Ungeheuerliche Details und Fakten über die Verbrechen werden noch drastischer und plastischer durch die Namen und die Schilderung der Verzweiflung und des Leidens der Menschen, die damals andauernd den Tod vor Augen hatten. Und die einfach so, aus Spaß, aus einer Laune heraus getötet wurden. Durch die Schilderung der vielen Einzelschicksale vermittelt “Der Henker” ein gleich beeindruckendes wie bedrückendes Abbild dieser Jahre.

Es finden sich aber auch die Informationen über die Täter, den Haufen an blindwütigen Killern, die Göth in seinem Lager um sich geschart hatte. Ein überlebender Nazi, der SS-Oberscharführer Franz Joseph Müller, kommt in Form seiner eigenen “Tatsachenberichte” zu Wort. Wie die meisten seiner Kumpanen will auch nur widerwillig, weils es eben die Befehle es erforderten, so und nicht anders gehandelt haben.

Oskar Schindler muss in einem Buch über Amon Göth natürlich eine wichtige Rolle einnehmen. War es doch dieser Oskar Schindler, dem es wenigstens gelegentlich gelang, dessen Mordlust einzudämmen; und der vielen Juden das Leben rettete.

Göth endete am Galgen,  viele der Täter jedoch konnten nach dem Ende des Krieg unbehelligt weiter leben. Einige davon sind im Buch erwähnt und man erfährt wie sie es vielfach – weil diese Zeit bekanntermaßen niemals gänzlich aufgearbeitet wurde – zu Ansehen und Wohlstand brachten. Während die Überlebenden ihrer Verbrechen bis ans Lebensende mit den traumatischen Folgen zu leben hatten.

Österreich und der Nationalsozialismus

Welch eine Schande für unser Land, mit dieser Zeit noch immer nicht verantwortungsvoll umzugehen. Als Bundeskanzler Franz Vranitzy im Jahr 1993 in Jerusalem ganz konkret und bewusst von der Schuld Österreichs sprach, da konnte man noch hoffen, dass damit eine konsequente Aufarbeitung beginnen würde.

Doch weit gefehlt: in Kärnten hatte ein gewisser Jörg Haider von der “Gesunden Beschäftigungspolitik im Dritten Reich” geschwärmt und holte in Folge 27% der Stimmen bei der Nationalratswahl im Jahr 1999.

Rechtsradikale Umtriebe, Wiederbetätigung, Hitlergruß, Darstellung des Hakenkreuzes uvm.: in Österreich werden die regelmäßig aufgedeckten und auftretenden “Rülpser” rechtsradikaler Subjekte nach wie vor gerne als “Lausbubenstreich”, “Besoffene Geschichte” o.ä. verharmlost, von den Behörden nur unzureichend verfolgt und von den Gerichten zu selten bestraft.

Dazu ganz aktuell: eine Partei, die sog. “Freiheitlichen” der FPÖ, wirbt mit der Nächstenliebe, aber nur für Österreicher, und erhält dafür 20,5% bei der Nationalratswahl 2013. Eine Partei, in der schlagende Burschenschaften, die übrigens in Deutschland teilweise unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen, tonangebend sind.

Und noch aktueller: der Bürgermeister der niederösterreichischen Gemeinde Gföhl bedient sich, wie Augen- und Ohrenzeige berichten, eines 100%igen, ekelhaften Nazi-Vokabulars.  Aber wenigstens konnte er das nicht unter den Tisch kehren; das gibt Hoffnung.

Infos im Web


Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top