Manfred Wieninger: 223 oder Das Faustpfand

Schon nach wenigen Zeilen ist klar: das wird keine leichte Lesekost, das ist nicht einfach irgendeine historische Kriminalgeschichte. Hier geht es um mehr: es geht um Bewusstsein für begangenes Unrecht, es geht um die Erinnerung an Ereignisse, die niemals aus dem Gedächtnis verschwinden dürfen.

Es geht um das Schicksal aller jener, die unter der Naziherrschaft unterdrückt, ausgebeutet, gequält und ermordet wurden. Manfred Wieninger schreibt diesen Roman in Form eines Tatsachenberichtes, in dem historische Wahrheit und die darauf basierende Fiktion zu einem gleichsam faszinierenden wie erschreckenden Bild zusammen finden.

Die Tatsachen: Während in Wien der 2. Weltkrieg bereits vorbei war,  wurden am 2. Mai 1945 etwas weiter westlich,  bei Persenbeug in Niederösterreich, 223 jüdische Gefangene von der SS und deren Helfern erschossen. Diese Tat ist als das Massaker von Hofamt Priel geschichtlich belegt. Die Täter wurden niemals zur Verantwortung gezogen. Zwar waren einige der Mörder und Helfer mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der  Gegend, doch konnten sie sich bis heute hinter einer Mauer des Schweigens verstecken.

Der Tod im Gewehrfeuer der Nazis bedeutete für die Opfer das Ende einer monatelangen Qual, die mehr und mehr die Hoffnung schwinden lies und an deren Ende dann der Tod stand.  Sie wurden wie Vieh gehalten, Arbeitssklaven ohne Rechte und ohne Perspektive ausser jener, bald durch Arbeit, Hunger oder Gewalt zu sterben. Es sind Auszüge aus den Tagebüchern dieser Menschen, die von Wieninger in den richtigen historischen Rahmen gestellt werden. Hier das Leid der Opfer, die Geschichte ihres Leidensweges, soweit er sich eben rekonstruieren lässt – dort die überwiegenden Zahl der (noch immer) hitlertreuen Österreicherinnen, die ihnen meist statt Mitleid oder Hilfe nur Hohn, Verachtung und blindwütigen Hass entgegen brachten (so wie wir eben so waren als die armen, ersten Opfer von Hitlerdeutschland).

Aus dem Zusammenführen von verzweifelten, hoffnungslosen Tagebucheinträgen mit sachlichen, fast emotionslosen Erläuterungen und verbindenen Fakten entsteht ein dichtes. erschütterndes, bedrückendes und berührendes Dokument. Manchmal aber zeigt sich darin auch ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Während die Mehrzahl der Menschen weg sah, nichts gesehen haben wollte, heimlich oder offen Beifall klatschte, blieb es einem Mann fast ganz alleine überlassen, diese Tat als das zu definieren, was es war: ein Verbrechen, ein Massenmord. Franz Winkler, stellvertretender Postenkommandant der Gendamerie in Persenbeug,  tat dies an einem Ort, zu einer Zeit, als dort noch das 1000jährige Reich die Gewalt ausübte und er jederzeit damit rechnen musste, die SS, die Waffen-SS oder eine andere Organisation der NSDAP würde ihn als Hochverräter ebenfalls töten.

Tat Winkler das weil er es als richtig und gerecht empfand? Immerhin gab es ausser ihm nur ein paar wenige mehr, die ebenso fühlten, dachten, handelten so wie er. Stets auf der Hut vor dennoch marodierenden Schergen des NS-Regimes, den Vernaderern und den Unbelehrbaren. Zu Beginn weiss man nicht, ob es Winkler dabei wirklich um Recht und Menschlicheit geht, oder ob er sich nur für die Zeit nach dem Krieg ein paar menschliche Züge in den Lebenslauf schreiben wollte.

Zu einem abschließenden Ergebnis kamen die Untersuchungen übrigens nie: dafür sorgten schon die vielen Amtspersonen und Behörden, unter deren Mitwirkung der urspüngliche Akt mehr und mehr verfälscht und in Teilen verloren wurde. Und selbst wenn: als gelernter Österreicher weiß man, dass es bei einer etwaigen  Verhandlung wohl kaum zu einer Verurteilung gekommen wäre.

Das alles geschah vor beinahe 70 Jahren und die Jahrzehnte danach brachten uns enorm viel Wissen um die unglaublichen Verbrecher dieser Zeit. Doch trotz dieses Wissens ist es Faktum in unserem Land, dass die Alt- und Neonazis (wozu überhaupt eine Differenzierung?) nach wie vor meistens freie Bahn haben, beinahe unbehelligt von Exekutive, Gerichten und Politik bleiben (Tierschützer hingegen werden als Terroristen angeklagt und durch monatelange Prozesse beinahe ihrer Existenz beraubt).

Alle jene, die heute, im Jahr 2012, noch immer/schon wieder in schwarzen Stiefeln stramm stehen, Hakenkreuze bei sich daheim im Keller aufhängen und Heil-irgendwas grölen, all jene, die ihre braunen Hemden zur Tarnung in blaue umgefärbt haben, sich unter einem pseudodemokratischen Dach zusammen rotten, in Wahrheit aber die ideologischen und moralischen Nachfolger der Naziverbrecher sind: falls überhaupt, fassen sie gerade einmal ein paar Monate bedingte Strafe aus. Dafür dürfen sie aber nach Belieben Ihre Bälle veranstalten, ja dürfen sogar einen der höchsten Repräsentanten dieser Republik stellen, falls es der „Hausbrauch“ im Parlament so bestimmt.

Es sind somit fast ausschließlich die kreativen und intellektuellen Geister in diesem Land, denen es überlassen bleibt, gegen diesen sich ausbreitenden Sumpf anzuschreiben. Einer davon ist Manfred Wieninger und er hat damit nicht nur einen tief beeindruckenden Roman, er hat auch ein Manifest gegen Hass und Gewalt geschrieben. DANKE!

PS: Mit diesem Roman nimmt Manfred Wieninger ein Kapitel aus seinem Buch Das Dunkle und das Kalte und gibt diesem den Raum, den es aufgrund seiner geschichtlichen und moralischen Bedeutung verdient.

PPS: bereits bei einem anderen Buch war ich der Meinung, dass es zu einem fixem Bestandteil des Unterrichtes an österreichischen Schulen werden sollte. Auch „223 oder das Faustpfand“ wäre m.A. ein wichtiges, aufklärendes Buch für den Geschichts- und Deutschunterricht. Und für die eine oder andere Parteizentrale.



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