Verena Moritz, Hannes Leidinger: Oberst Redl
Der Spionagefall, der Skandal, die Fakten

Aus einer Welt, die so ganz anders aussah als unsere Gegenwart. In dieser untergegangen Welt von Kaiser, Donaumonarchie, in der Österreich zu den Großmächten gehörte, konnte der Verrat von geheimen Plänen, die in den Kanzleien in Wien ersonnen wurden, noch das Machtgefüge eines ganzen Kontinents aus dem Gleichgewicht bringen. Der Fall des Oberst Redl erschütterte die Monarchie vor ziemlich genau 100 Jahren. Die damalige Welt ist untergegangen, die Umstände und Hintergründe aber beschäftigen die Wissenschaft bis heute.

Dieses Buch, das sollte man schon im Vorhinein wissen,  ist eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas, es ist kein Spionage-Thriller mit geschichtlicher Rahmenhandlung , der sich so nebenbei lesen lässt.

Ein Geschichtsthriller, der die Welt in den letzten Jahren der Donaumonarchie zeigt, die Welt der in oftmals wechselnden Konstellationen manchmal miteinander konkurrierenden, manchmal verbündeten Reiche in Europa.

Oberst Redl war dabei natürlich nicht der einzige Spion, er war allerdings der spekakulärste: ein hoher Offizier, Generalstabschef eines ganzen Armeekorps und dazu homosexuell. Vor allem letzteres sorgte für enorme Wellen der Empörung und Entrüstung und war dabei auch die Ursache für die Erpressbarkeit Redls.

Das Buch handelt somit nicht nur vom Fall Redl sondern liefert auch eine Bestandsaufnahme der Agentnetze, soweit sich das aus den vorligenden Dokumenten rekonstrueiren lässt. Besonders das russische Zarenreich war sehr aktiv bei der Aquisition immer neuer Agenten, aber auch das Königreich Italien wusste sich mit Geheiminformationen über die k.u.k-Armee zu versorgen.

Knapp ein Jahr nach dem Auffliegen der Affäre und dem Selbstmord Redls begann der 1. Weltkrieg und damit das letzte Kapitel der Donaumonarchie.

Zwei Abschnitte

Das Buch gliedert sich in den von Verena Moritz verfassten Abschnitt über die Hintergründe der Affäre, der auch die neuesten bekannten Fakten in den richtigen Kontext bringt. Und den von Hannes Leidinger verfassten Abschnitt über die Folgen und Auswirkungen des Falles Redl und über das militärische und politische Umfeld jener Jahre.

Die Affäre Redl hat seit dem Jahr 1913 unzählige JournalistInnen, AutorInnen und Filmschaffende in ihren Bann gezogen. Viel wurde hinein-interpretiert, einmal war Redl der Sargnagel der Donaumonarchie, einmal ein durch seine homosexuelle Neigung innerlich zerrissener.

Bevor man sich an die Lektüre dieses Buches macht wäre es hilfreich, sich ein wenig Basisinformation über die historischen Fakten zu verschaffen. Damit gelingt es besser, die schiere Menge an Informationen, Berichten über Personen und Dokumente, über die aufgezeigten  Querverbindungen und die Schilderung der Abläufe für sich selbst einzuordnen, den Überblick zu behalten.

Gute, alte Zeit

Dass sich diese eine Affäre so lange in Bewusstsein nicht nur der Fachleute sondern auch weiter Kreise der Bevölkerung gehalten hat zeigt wohl, dass dieses untergegangene Gebilde names Österreich-Ungarn auch heute noch Sehnsüchte und Hoffnungen (wenn auch meist nostalgisch in Sisi-Legenden verbrämt) weckt. Immerhin, und das lässt sich ohne Wertung behaupten, war die Donaumonarchie schon eine kleine, sehr einfache Union inmitten Europas. Unter einer zentralen Herrschaft zwar und ohne demokratische Grundsätze, aber es gab die Hoffnung, dass die Nachfolger Kaiser Franz Josefs genau in diese Richtung Veränderungen durchsetzen könnten.

Das geschah nicht, der 1. Weltkrieg zerriss zuerst die Habsburgermonarchie und in den folgenden Jahrzehnten den ganzen Kontinent.

Aufarbeitung

Viele Dokumente zum  Thema waren jahrzehntelang in den Archiven verschollen und wurden erst in jüngster Vergangenheit wieder gefunden.  Mit den wieder entsdekcten Unterlagen konnten einige Ungereimtheiten, einige Widersprüche, einige Falschinterpretationen, die in Jahrzehnten entstanden waren,  aufgeklärt werden.

Abseits der hier vorliegenden wissenschaftlichen Betrachtung bleibt die Affäre Redl aber einer der wenigen historischen Stoffe aus dem alten Österreich, die über viele Generationen hinweg für Legenden und Mythen sorgen konnten; und auch weiterhin können.

Man sollte sich die Zeit nehmen, dieses Buch zu lesen. Man erfährt viel darüber, wie die Welt vor hundert Jahren funktionierte.


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