Chris Inken Soppa: Der große Muntprat
Historische Romanbiografie

verfasst am 06.04.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Biographie, Soppa, Chris Inken

Ein Leben aus der Zeit der Renaissance: die literarische Biografie des Kaufmanns Lütfrid Muntprat ist zugleich ein äußerst lesenswerter Roman über die Welt zu Beginn des 15. Jahrhunderts.

Zunächst die Fakten: Lütfrid Muntprat kam wahrscheinlich im Jahr 1383 zur Welt. Vom ihm selbst sind nur sehr wenige Aufzeichnungen vorhanden, was man weiß, das findet sich in  Dokumenten und Chroniken der Zeit. Lütfrid Muntprat war ein bedeutender Mann, einer der reichsten seiner Zeit; er bereiste zeitlebens den europäischen Kontinent, diese frühe Internationalisierung, jedenfalls jene in den Grenzen Europas, begründete seinen Erfolg. Er starb im Jahr 1447.

Wie die Autorin in ihrer Einleitung feststellt, lassen sich zwar die meisten der im Buch erzählten Ereignisse auf historische Quellen zurück zu führen, die genaue Abläufe , so wie man sie hier lesen kann, sind jedoch rein literarischer Art; so könnte es gewesen sein. Um dabei eine möglichst authentische Atmosphäre zu erschaffen, verwendet Chris Inken Soppa sehr gern und oft Begriffe aus der Zeit, die im sehr umfassenden Glossar im Anhang in heutige Begriffe übersetzt sind. 

Dieses Glossar und der Stammbaum der Muntprats, der ebenfalls im Anhang zu finden ist, werden zu meinen dauerhaften und hilfreichen Begleitern beim Lesen des Romanes. Nach einem etwas mühevollen Beginn – ich musste mich erst an den Schreibstil gewöhnen – entwickelte sich für mich eine mehr und mehr förmlich greifbare Schilderung des Alltag. Wenn man nun Lütfrid Muntprat auf seinem Lebensweg folgt, dann erfährt man zugleich ungemein viel über die Lebensumstände zu seinen Lebzeiten.

Muntprat war ein Zeitgenosse Michelangelos, Da Vincis, Kopernicus‘, Jan Hus‘, der Medici – mit einigen dieser historischen Persönlichkeiten traf er zusammen. In seine Lebenszeit fiel der 100jährige Krieg zwischen England und Frankreich, es war eine Zeit des Aufbruches, Gesellschaft und Wirtschaft begannen sich zu verändern, die Städte gewannen an Bedeutung. Es war Zeitenwende zur Neuzeit, die großen Entdeckungen von Wissenschaft und die Entdeckungsreisen den Seemächte standen aber noch bevor.

Der Bogen der Handlung spannt sich von den familiären Verhältnissen bis zu den gesellschaftlichen Struktur der Städte; was gab es zu Essen und zu Trinken, wie war das Verhältnis der Bevölkerungsgruppen (Stände) zueinandern, wie stand es um die Stellung der Frauen. Dazu ist über die politischen und religiösen Gegebenheiten zu lesen: die Zeit der Päpste und Gegenpäpste, die Position des Königs und sein Verhältnis zu seinen Untertanen, das Konzil von Konstanz, die Hofhaltung von König – später Kaiser – Sigismund von Luxemburg. Und natürlich die Beschreibung des Geschäftslebens in Europa: wie der Handeln organsiert war, wie Zahlungsverkehr funktionierte, über die mächtigen und die weniger mächtigen Handelszentren (die Hanse, die Konkurrenz von Venedig und Genua), die Steuereintreiber und die Privilegien, die vom König und von den Fürsten gewährt wurden. Es war eine rauhe Zeit, in der oftmals die Willkür über das Recht und die Gerechtigkeit siegten und in der ein Menschenleben wenig zählte.

Lütfrid wird, nach dem Tod seines Vaters und seines älteren Bruders, zum Familienoberhaupt und dirigiert ein Handelsunternehmen, das Geschäfte in ganz Europa betreibt, mit Niederlassungen von Barcelona bis Brügge.  Aus dem von Intrigen von unversöhnlichen Gegnern der Muntprats dominierten Konstanz siedelte Lütfrid zeitweise ins nahe gelegene Ravensburg um. Dort hatte er mit den Familien Humpis und Mötteli, mit denen die Muntprats schon seit langem verbunden waren, die Ravensburger Handelsgesellschaft gegründet. Es war u.a. diese Vereinigung, die  den Reichtum und den weit über die Grenzen des Reiches bekannten Ruf der Stadt, als Zentrum des Handels begründete.

Noch viel mehr von allem lässt sich in diesem Buch erfahren, das damit zu einem der detailreichsten über das Leben vor rund 600 Jahren wird, das ich bislang gelesen habe.

Chris Inken Soppa ist es ausgezeichnet gelungen, Spannung und Wissen, Fiktion und Fakten miteinander zu verbinden. Zeitweise konnte ich mich gar nicht losreißen, tauchte gewissermaßen ein in die Ereignisse und erlebte das Leben der Menschen mit. Auch wenn nicht alles so geschehen ist, so scheint es doch ungemein realistisch, dank der geschickten Verknüpfung von dem, was wir wissen und dem, was hätte sein können.

Wer sich für das Leben und die Lebensumstände unserer Ahnen interessiert, wird um der „Der große Muntprat“ kaum herum kommen – eine unbedingte Empfehlung!

PS: rund um die Stationen, die Personen, die Orte, die im Buch erwähnt sind, lässt sich viel Wissenwertes und Interessantes in Büchern und im Internet nach-recherchieren.



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