Bart Van Loo: Burgund. Das verschwundene Reich
Eine Geschichte von 1111 Jahren und einem Tag

verfasst am 18.07.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Geschichte, van Loo, Bart

Burgund: alleine schon der Name lässt an die Nibelungen denken, an die klassischen Sagen mit Siegfried, Gunther und Etzel. Ein Land, das uns aus Legenden, über 1500 Jahre nach den darin erzählten Ereignissen, noch immer ein Begriff ist.

Burgund ist aber auch ein Reich, das über Jahrhunderte hinweg im Zentrum geschichtsbewegender Ereignisse stand, ein Reich, das am Ende zwischen den Großmächten im Osten und im Westen nicht mehr bestehen konnte und vor mehr als 600 Jahren von den Landkarten verschwand.

Neben all diesen spannenden Details finde ich besonders die Erklärungen über die Herkunft von Namen und Begriffen, die wir auch heute noch verwenden, sehr interessant. Wie sich aus den Sprachen der Länder und Stämme, die im Laufe der Jahrhunderte das Land besiedelten. Wer weiß denn zum Beispiel schon, dass das Wort „Börse“ in seinem Ursprung der Name einer flämischen Familie war, oder dass er Name der Stadt „Ostenede“ entstand, weil dort das östliche Ende einer Insel war oder kennt die Herleitung bzw. die anfängliche Bedeutung von Wörtern wie Teller und Turnier?

Und die Entwicklung der Sprachen: welche unterschiedlichen Sprachen gesprochen wurde, wie sie sich entwickelten und wie sich ihre Verbreitung im Laufe der Zeit veränderte.

Es ist zu erfahren, wie frühzeitig in den Niederlanden mit der Landgewinnung begonnen wurde und warum man bald von Getreidanbau auf Viehhaltung umstellte – die Basis für den heutigen Ruf als Käsenation.

Diese Geschichte Burgunds ist also weit mehr als nur eine Aneinanderreihung von historischen Daten, wenn auch die Herrscherhäuser und Konflikte (samt der häufigen kriegerischen Auseinandersetzungen) den größeren Teil des Buches einnehmen. Kein Wunder, denn darüber schrieben die Chronisten der Zeit hauptsächlich, für alltägliche Leben hatte man nicht viele Zeilen übrig.

Darüber gibt es in diesem Buch aber so viel zu erfahren wie nötig ist, um sich ein Bild vom gesellschaftlichen Leben, von den Festivitäten und den Lustbarkeiten zu machen; jedenfalls was Adel und Klerus betrifft.

Aus dem Königreich Burgund, das im Süden des heutigen Frankreich zu lookalisieren ist, wurde im Laufe der Jahrhunderte ein Herzogtum in der Region des Belgien, Niederlande, Luxemburg und Nordfrankreich. Eingezwängt zwischen den Großmächten Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich wurde Burgund immer wieder zusammengequetscht, gestreckt, verschoben. Durch diese Lage entwickelten sich unter anderem auch dynastische Verbindungen über ganz Europa.

Die zentrale geografische Lage und die dynastischen Verbindungen bringen es auch mit sich, dass die Geschichte Burgunds zugleich auch wesentliche Abschnitte der Geschichte Frankreichs  umfasst. Es gab verschiedene Gelegenheiten, zu denen die Burgunder die Herrschaft in Frankreich hätten übernehmen können; Europa stand im 14. und 15. Jahrhundert mehrfach davor, sich in eine andere Richtung zu entwickeln. Die Benelux-Staaten Belgien, Niederlande und Luxemburg sehen ihre eigene Wurzeln großteils im längst vergangenen Herzogtum.

Ein enorm bewegte Geschichte, in deren Verlauf Burgund zwar großen Einfluß auf seinen Nachbarn ausübte, letztendlich aber auf Dauer nicht bestehen konnte. Was blieb ist die heutige Region Bourgogne in der Mitte Frankreichs; sie entspricht im Großen und Ganzen jenem Teil des alten Reiches „Burgund“, der auch damals das Zentrum des Herzogtums bildete.

Bart Van Loo hat ein informatives, kurzweiliges Geschichte-Lesebuch verfasst, mit dem dessen Lektüre es ein reines Vergnügen ist, Geschichte zu erfahren. Ich finde seine Art, die Ereignisse miteinander zu verbinden und Ursachen und Folgen zu erklären, ausgesprochen klar. Weil dabei der Alltag genauso beschrieben wird wie die historische Entwicklung, erhält man ein ungemein lebendiges Bild von Burgund, dem vergangenen Reich.

Ein wirklich sehr empfehlenswertes Buch über eine spannende und spannungsreiche geschichtliche Periode, in der sich langsam das Gesicht jenes Europas formte, das über viele Jahrhunderte hinweg Bestand hatte.



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