Buchbesprechung/Rezension:

Bruno Preisendörfer: Als Deutschland erstmals einig wurde
Reise in die Bismarckzeit


verfasst am 23.04.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Geschichte, Preisendörfer, Bruno
LiteraturBlog Bewertung:

Bruno Preisendörfer schreibt LIVE-Reportagen aus der Vergangenheit; er kommt dabei so nahe an bewegte Bilder heran, wie es eben mit geschriebenen Wörtern möglich ist. Dieses Buch ist damit eine Zeitreise, die uns direkt in die Bismarck-Zeit hinein beamt.

Alles ist so lebendig und gegenwärtig beschrieben, dass man die Ereignisse nicht von außen beobachtet, sondern sich fast wie ein Teil davon fühlt: Wandern durch die Straße Berlins, Sitzen am Tisch mit Bismarck, Nachrichten aus aller Welt in Windeseile.

Dieser „Live-Bericht“ stützt sich auf eine Unmenge an Quellen, wobei der betrachtete Zeitraum, also primär die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, in Bezug auf Quelle schon weitaus mehr zur Verfügung stellt, als die Jahrhunderte davor. Mit der weiten Verbreitung von Zeitungen, dem Anfang der umfangreichen Kommunikation zuerst über Telegrafen und dann auch schon über Telefone, der technischen Reife von Fotografie und den ersten Filmaufnahmen begann damals auch bereits das Informationszeitalter.

Wie überhaupt damals viel von dem begann, was wir heute noch kennen, schätzen oder als Last mit uns herumtragen.

Der wesentliche Unterschied bzw. die wesentliche Errungenschaft seit damals betrifft aber nicht Technik, Medizin oder Kommunikation. Wesentlich ist, dass sich die Gesellschaftsstrukturen änderten, dass überholte Privilegien, die sich auf nichts als auf Familienstammbaum stützten, vergingen. Bildung wurde für immer größere Schichten zugängig  und die Chance auf selbstbestimmtes und zufriedenes Leben für wuchs für alle. (wenngleich es natürlich bis heute viel Chancenungleichheit gibt, die in der Herkunft bedingt ist).

Dazu entstanden Unternehmen, Marken, die uns bis heute geläufig sind: von Siemens bis Maggi, von Daimler bis Bell.

Innovation und gesellschaftliche Entwicklung stehen auf der einen Seite. Auf der anderen steht beispielsweise mit Kaiser Wilhelm II ein völlig ungeeigneter Herrscher, der es bekanntermaßen schaffte, die Welt aus persönlicher Eitelkeit in einen Rüstungswettlauf zu treiben. Außerdem war das 19. Jahrhundert auch die Zeit, als der Nationalismus in seiner aggressiven Form entstand. Wilhelm II und Nationalismus erwiesen sich am Ende dann als ganz hervorragender Zünder für die Kriegskatastrophen des 20. Jahrhunderts.

Die Einteilung des Buches in Themenkapitel macht es möglich, falls man nicht gleich alles lesen möchte, sich ganz bestimmte Bereiche vorzunehmen, um darüber jeweils gleichermaßen kompakte wie inhaltlich umfangreiche Informationen zu erhalten.

Ein Lesebuch und ein Nachschlagewerk und deshalb ein insgesamt sehr empfehlenswertes Buch, das – obwohl die geschilderten Ereignisse mehr als ein Jahrhundert zurückliegen, auch die danach folgende und bis heute wirkenden Geschehnisse etwas besser verstehen lässt.




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