Christopher Clark: Preußen
Aufstieg und Niedergang 1600–1947

verfasst am 25.01.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Clark, Christopher, Geschichte

Preußen und Österreich-Ungarn: die Gegenspieler und am Ende auf Gedeih und Verderb einander ausgelieferten Staaten, mit deutscher bzw. deutschsparchiger Bevölkerung. Während ich, muss ich ja gewissermaßen als Österreicher, viel Wissen über das Habsburgerreich angesammelt habe, hat mein Wissen über den Hohenzollern-Staat noch einige Lücken – „Preußen“ von Christopher Clarke schließt diese.

Ich habe noch selten eine so umfassende, detailreiche, analytische und doch kompakte (wenn man bei beinahe 800 Seiten noch von „kompakt“ sprechen kann) Beschreibung der Entwicklung eines Staates gelesen.

Ausgehend von dem unbedeutenden und fernab der europäischen Entscheidungszentren gelegenen Land Brandenburg in der Zeit vor dem 30-jährigen Krieg beschreibt Clarke den überaus spannenden Weg zu einer regionalen und später europäischen Macht; ein Staat der über Jahrhunderte in erstaunlich linearer Weise wuchs, um dann in den beiden Weltkriegen, angeführt von zuerst größenwahnsinnigen und  dann verbrecherischen Anführern unterzugehen.

Ungemein interessant finde ich den Vergleich, der unweigerlich zwischen Preußen und Österreich-Ungarn zu ziehen ist.

Preußen wurde von Fürsten, Königen und Kaisern regiert, die über Jahrhunderte hinweg mit mehr oder weniger  aufeinander aufbauenden Entscheidungen, die kontinuierliche Entwicklung des Staates voran trieben. Brandenburg, später Preußen sah dabei die Zielrichtung der Expansion vor allem in den anderen deutschen Ländern, den kleinen und großen Staaten, die zwischen Preußen und Frankreich lagen.

Die Habsburger sahen sich dagegen in einer Rolle als Dynastie mit weltumspannender Bedeutung, die stets versuchte, ihren Einfluß über Sprach- und Nationengrenzen hinweg auszuweiten. So war das Habsburgerreich ein Konstrukt, das sich über Jahrhunderte stets ausweitete, verschob, kleiner und größer wurde.

Auch das Vermächtnis der beiden Staaten kann nicht unterschiedlicher sein. Die Habsburger und vor allem Kaiser Franz-Josef konnten zu einem Markenzeichen entwickelt werden, mit dem wir in Österreich unser Image in der Welt als eine Art Operettenstaat aufbauen und pflegen konnten, der ein ungemein lukrativer Touristenmagnet war und ist. Negatives aus unserer Geschichte wurde dabei geschickt verdrängt.

Wilhelm II, der 3. und letzte deutsche Kaiser, hingegen ist eine gescheiterte Figur in der Geschichte, mit der sich „kein Staat“ machen lässt. Im Gegenteil ist der Begriff „Preußen“ heute negativ besetzt und steht weiterhin für Militarismus und Aggression: Wilhelm II, der den Staat verspielte, und die Nationalsozialisten, die die Welt mit bis dahin ungekannten Grausamkeiten überzogen – Preußen ist verschwunden und wird heute wohl nur von wenigen vermisst.

Christopher Clark zeichnet mit diesem Buch ein sehr differenziertes Bild, das einen umfassenden Blick auf den Staat ermöglicht, auf dessen Boden so viele einander widersprechende Ereignisse stattfanden.

Sehr empfehlenswert – und zweifelsohne ein Standardwerk zum Thema.

PS: der Vergleich der beiden Staaten ist nicht Inhalt des Buches; ich konnet beim Lesen jedoch nicht umhin, ihn immer wieder zu ziehen.


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