Simon Winder: Herzland
Eine Reise durch Europas historische Mitte zwischen Frankreich und Deutschland

verfasst am 09.09.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Geschichte, Winder, Simon

75 Jahre Frieden! Seit dem Ende des 2. Weltkrieges gab es keinen Krieg mehr, keine Grenzstreitigkeit – es ist, das darf man nicht vergessen, in Wahrheit eine ganz untypische Zeit in der wir leben. Die Rede ist von der Region im Herzen Europas, die sich von den Benelux-Staaten im Norden über das Grenzgebiet zwischen Frankreich und Deutschland mit dem Elsass, bis hin zur Schweiz im Süden erstreckt.

Es sind die Errungenschaften der Nachkriegspolitik und die Existenz der Europäischen Union, die unsere Zeit von dem Rest der nahezu 2000-jährigen Geschichte dieses breiten Streifens unterscheidet, von dem Simon Winder in diesem Buch erzählt.

Das Wort „erzählt“ ist dabei mit Absicht gewählt, denn Winder erzählt tatsächlich. Man kann sich zurücklehnen und genießen.

Schon im Vorwort erklärt der Autor die Herausforderung, das Thema so weit einzugrenzen, dass am Ende noch ein überschaubares Buch entsteht. Eine Herausforderung, die er zugleich meistert, an der er am Ende aber auch ein wenig scheitert.

Es war die umstrittene Grenzregion des Römischen Reiches zu den wilden Ländern im Osten, wo in dichten Wäldern die germanischen Stämme lebten. Es war das Einfallstor vieler Stämme, die im Zuge der Völkerabwanderungen von Osten nach Westen drängten. Es war die zentrale Region des Reiches von Karl dem Großen und das Erbe von Lothar I, einem der drei Söhne von Ludwig dem Frommen und Enkel Karls, unter denen das riesige Reich mit dem Vertrag von Verdun im Jahr 843 aufgeteilt wurde.

Es folgten die Burgunder, die Franzosen, das Heilige Römische Reich, Österreich, die Eidgenossen und viele, viele mehr, die das Gebiet regierten oder unter ihren Einfluss bringen wollten. Eine schier unüberschaubare Zahl an Königreichen, Herzogtümern und Grafschaften teilte viele Jahrhunderte lang das Land und in beinahe ununterbrochener Folge mussten die Bewohner kriegerische Auseinandersetzungen ertragen. Der Besitz der Region „Herzland“ war immer im Fokus begehrlicher Blicke von Herrschern aus ganz Europa. Millionen von Menschen mussten dafür sterben und leiden, unzählige Dörfer und Städte wurden zerstört und aufgebaut, Länder entstanden und vergingen.

Die Erzählung endet aber nicht bei den Kriegen und Schlachten. Es gibt noch so ungemein viel zu sagen über die Kunst und die Wissenschaft, die Städte und die Dörfer, die Herrscher und Feldherren, Handel, Landwirtschaft und Handwerk, die Religion und die Architektur. Eben alles, was die Zivilisation ausmacht. Irgendwann wird man sich beim Lesen dann wieder an Winders Vorwort erinnern und daran, wie schwierig es ist, die Menge der Informationen zu begrenzen. 

Es ist eine Folge von Ereignissen, die scheinbar in gerade Linie von einem Jahrhundert zu nächsten führten und schließlich in den allergrößten Katastrophen im 20. Jahrhundert mündeten. Auch die beiden Weltkriege erscheinen unter diesem Blickwinkel wie unausweichlich als Folge der Französischen Revolution, Napoleons Eroberungen, des Revolutionsjahres 1848 und der Gründung des Deutschen Kaiserreiches.

Den Eindruck einer so unumstößlich wirkenden Abfolge hat man aber nur aus der Sicht der Gegenwart in die Vergangenheit. Ganz anders aber sieht es aus, wenn man sich jeweils inmitten eines Zeitpunktes dieser Vergangenheit befindet. Auch darauf geht Winder ein, macht klar, dass es immer wieder von kleinen, manchmal bewussten, manchmal beiläufigen Entscheidungen abhing, wie die Geschichte weiter ging. Um es mit einem Begriff aus der Science-Fiction zu beschreiben: nur ganz kleine Abweichungen hätte zu einer unendlichen Zahl von alternativen Realitäten führen können, in denen Europa heute völlig aussehen würde (solche Spekulationen führt Winder jedoch nicht weiter aus, sondern überlässt diese Gedankenspielereien seinen Leserinnen und Lesern).

Überaus interessant finde ich jene Kapitel, in denen die oft weit zurück liegenden Ursachen von Konflikten und Gegensätzen beschrieben sind, die teilweise noch immer aktuell sind. Simon Winder versteht es, Zusammenhänge offen zu legen und historisch einzuordnen (nicht zu vergessen ist auch der gewaltige Aufwand an Recherche, der für dieses Buch erforderlich war).

Alles führt dazu, dass abschnittsweise die Menge an Namen und Daten zu viel wird und man nur mit Mühe in der Lage ist, den Überblick zu behalten. Dabei spielt es auch eine Rolle, dass der Inhalt des Buches zwar grundsätzlich chronologisch strukturiert ist, es aber in den einzelnen Kapiteln dann munter in den Jahrhunderten vor und zurückgeht; Seitenblicke in andere Weltregionen inklusive.

Simon Winders Leidenschaft für die Beschreibung der Ereignisse ist dem Buch auf jeder Seite anzumerken. Denn er schildert nicht nur diese historischen Momente, sondern er verbindet sie auch oft mit seinen eigenen persönlichen Eindrücken und Assoziationen (etwas, das ich normalerweise beim Lesen selbst mache, was mir diesmal aber von Autor fast zur Gänze abgenommen wird).

„Herzland“ ist ein spannendes und stellenweise auch amüsantes Buch über eine zentrale Region unseres Kontinents – wobei der Begriff „zentral“ sowohl geografisch als auch historisch zu verstehen ist. Es lässt sich richtiggehend darin schmökern und viele der Anekdoten wird man noch nicht gekannt haben.

Der Schlüssel zur Lektüre ist aber – siehe oben – eine ausreichende Geduld und Konzentration; ist man gewillt beides aufbieten, dann wird man tatsächlich viel Freude daran haben!



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