Buchbesprechung/Rezension:

Reinhard Tötschinger: Rochade


verfasst am 27.09.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Tötschinger, Reinhard
LiteraturBlog Bewertung:

Im Zentrum der Ereignisse steht ein Meisterwerk aus dem 17. Jahrhunderts: Jan Vermeers „Die Malkunst„, eines seiner wichtigsten Werke. Ein Meisterwerk und also solches schon öfters das Ziel von Begehrlichkeiten einflussreicher Personen.

So findet man sogar noch die Inventarnummer von Hitlers Führermuseum auf der Rückseite des Bild, „Die Malkunst“ war eines der Werke, das die Nazis  unbedingt besitzen wollten. Nun liegt das Bild, 120x100cm groß, vor dem Restaurator Clemens Hartmann, der dabei ist, die Schäden an dem Bild zu katalogisieren. Schäden, die nach dem Bombenanschlag während einer Ausstellung in Amsterdam entstanden sind.

Zurück in Wien soll das Werk so rasch wie möglich im Kunsthistorischen Museum wieder ausgestellt werden. Diesem Vorhaben steht allerdings die Begehrlichkeit des (jungen) Kanzlers entgegen, der das Bild in seinen eigenen Räumlichkeiten präsentiert sehen möchte. Droht nun noch eine weitere Inventarnummer, diesmal vielleicht die eines „Kanzlermuseums“ den Vermeer zu verunstalten?

Der Kanzler entsendet zunächst den Magister Stöckl, der nicht nur einen genauen Terminplan für die Restauration einfordert, sondern diesen auch noch, stets sehr wichtig in seinem Auftreten und Nachdruck, höchstselbst laufend kontrolliert. 

Doch ein so gewissenhafter Restaurator wie Professor Clemens Hartmann lässt sich von solchem Druck nicht unter Druck setzen, schlampig zu arbeiten, nur damit es schneller geht. Hubert, sein ehemaliger Student und nunmehrige Assistent steht ihm zur Seite.

Bald kommt der Gedanke auf, dem Kanzler vielleicht eine Kopie ins Büro zu hängen?
Der würde das sowieso nicht bemerken!

Zum einen liest man in der Folge bemerkenswerte Details über die Geschichte und Irrweges des Bildes. Während der Arbeit am Bild entwickeln sich immer wieder Zwiegespräche zwischen Maler und Restaurator – Verneer und Hartmann – und erfährt man viel Interessantes, Erzählungen über einzelne Details des Kunstwerkes und seiner Geschichte. Das erinnert ein wenig an die Reihe „Hundert Meisterwerke“, in der vor langer Zeit im Fernsehen (als man ein bisserl Kultur unters Volk bringen wollte), bekannte Meisterwerke bemerkenswert verständlich analysiert wurden. So augenscheinlich, dass man ganz andere Sichtweise auf diese Gemälde entwickeln konnte. Ganz Ähnliches passiert auch in diesem Buch mit „Die Malkunst“.

Während des Lesens werfe ich deshalb immer wieder einen Blick auf ein Foto des Gemäldes, um das Gelesene gleich selbst zu entdecken.

Zum anderen lernt man (aber in Wahrheit wusste man das auch schon davor), dass Würdenträger zur Selbsterhöhung neigen und sich allzu gerne selbst mit Wertvollem schmückt; egal, ob es ihnen gehört, ob sie es selbst geschaffen haben, oder nicht – Hauptsache es glänzt und lässt den Besitzer wichtiger erscheinen. Obwohl der jugendliche Kanzler gleich geblieben ist, so spielt die Geschichte dieses Romanes doch zu einer anderen Zeit. In der  nämlich die Partei der Österreich-Ausverkäufer und Polizeipferde-Anschaffer, die mit ihrer Parteifarbe blau die braune Grundierung nur mäßig übertüncht, gemeinsam mit den ehemals Schwarzen und nun so frühlingshaft Türkisen noch immer damit zugange sind, sich als beste Regierungsfreunde die besten Amterln des Landes zuzuschanzen.

In Reinhard Tötschingers Österreich hatten wir also nicht so viel Glück wie in der Wirklichkeit, als das Treiben der besten Freunde nicht mehr zu verheimlichen war. Es ist vielmehr so, sich hier der jugendliche Kanzler und der brüllende Vizekanzler an der Regierung gehalten haben. Wir befinden uns im Jahr 2022 und sie setzen ihr Werk des Umbaues des Landes in eine orban-artige „illiberale“ Demokratie fort, samt Freunderln, die man wo immer es nur geht platziert.

Wie aber geht es weiter mit dem Vermeer im Führer … Kanzlerbüro?

Clemes und Hubert denken sich einen gewagten Plan aus, nach dem das Gemälde fertig restauriert werden und zugleich auch die enge Zeitvorgabe des Kanzlers eingehalten werden kann. Es gilt eben, den jugendlichen Herrscher bei Laune zu halten, ihm einen Wunsch nicht zu erfüllen käme einer Majestätsbeleidigung gleich; samt Sippenhaftung, sprich negativen Folgen für das ganze Museum.

Der Plan ist raffiniert, doch was die „Rochade“ auch nach erfolgreichem Abschluss noch für unerwartete Folgen nach sich zieht, das verlangt dann nach noch mehr Raffinesse.

Witzig auch der Kurzauftritt der „alte Mimin“ mit augenzwinkerndem Verweis auf Christiane Hörbigers berühmt gewordene letzte Rolle als wutschnaubende Kanzler Kurz-Verehrerin  :-)

„Rochade“ ist leicht lesbar, liefert zudem wie nebenbei viel interessante Details über alte Gemälde und wie man sie hegt und pflegt; „Rochade“ ist auch eine Politsatire über die Selbstwahrnemung von Politikern.

„Rochade“ ist stellenweise unglaublich witzig; „Rochade“ lässt uns aber auch erleichtert aufatmen, dass es Ibiza gab – denn vielleicht wäre ansonsten der hier beschriebene Zustand unseres Landes doch in der einen oder anderen Form Realität geworden.

Alles zusammen ein wirklich sehr gelungenes Romandebüt von Reinhard Tötschinger




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