Eva Linsinger: Alles nur Fake!
Journalismus in den Zeiten von Postdemokratie, Message Control und Rechtspopulismus

verfasst am 09.09.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Linsinger, Eva, Zeitgeschichte

In letzter Zeit habe ich in einigen Büchern das Zitat „Wenn ich mich entscheiden sollte, ob wir eine Regierung ohne Presse oder eine Presse ohne Regierung haben sollten, so würde ich ohne Bedenken das Letztere wählen“ gelesen, das Thomas Jefferson zugeschrieben wird. Diese Bücher wurden von Journalisten bzw. über den Journalismus geschrieben und sie alle verwenden dieses Zitat aus gutem Grund: der freie Journalismus als korrigierende, enthüllende und offen berichtende Kraft unserer Demokratie wird von vielen Seiten bedroht.

Man wird diesen Umstand nun wahrscheinlich überwiegend dem Rechtspopulismus zuschreiben, der in unserer Zeit wohl die größte Bedrohung der Pressefreiheit und der westlichen Demokratien darstellt. Doch die Politik versuchte schon immer, die JournalistInnen für eigene Zwecke einzuspannen und zu lenken. Was neu und oftmals so gefährlich ist, ist das Aufkommen von direkten Kommunikationskanälen zwischen der Politik und den WählerInnen.

Wer die Social-Media Kanäle professionell bespielt, kann darüber ungefiltert und unwidersprochen die eigene Agenda transportieren. Das nutzen alle politischen Parteien und Strömungen. Die Rechtspopulisten und Rechtsextremisten jedoch nutzen diese direkte Kommunikation vorrangig um Ängste zu schüren und Lügen oder verfälschte Fakten zu verbreiten.

In ihren drei, im Jahr 2018 gehaltenen, Vorträgen im Rahmen der Theodor-Herzl-Vorlesung zur Poetik des Journalismus im Audimax der Universität Wien befasst sich Eva Lisinger sehr eingehend mit den Problemen, mit denen sich der Journalismus des 21. Jahrhunderts konfrontiert sieht:

  • Die geringer werdenden Redaktionsbudgets, die zur Verkleinerung der Redaktionsstäbe führten und damit gezwungenermaßen zur Einschränkung der Recherchearbeit führen
  • Die immer professioneller werdenden Kommunikationskanäle von Parteien und politischen Organisationen, die im Gegensatz dazu über ausreichende Geldmittel verfügen (auch über die selbst genehmigten Zuwendungen aus Steuergeldern).
  • Die Social-Media Kanäle, die sich als direkte Konkurrenz zum „richtigen“ Journalismus präsentieren und von immer mehr Menschen als Quelle für Informationen genutzt werden (ohne zu erkennen oder erkennen zu wollen, was davon Polemik, Lüge oder verfälschte Wahrheit ist).
  • Der permanente Angriff der Rechtspopulisten gegen Medien mit dem Ziel, diese als von obskuren (meist bezeichnet als „linkslinke“ oder – die antisemitischen Tendenzen der eigenen Anhängerschaft nützend – „Westküsten-„) Eliten gesteuert zu desavouieren.

Das sowohl skurrilste als auch gefährlichste Beispiel dafür ist der US-„Präsident“ Donald Trump, der tagtäglich über seinen Twitter-Kanal Lügen und Anschuldigen verbreitet und dem – trotz der offensichtlichen Unwahrheiten – eine unglaubliche Zahl an US-Amerikanern glaubt. Der Strache-Auftritt auf Facebook ist eine zwar kleinere, jedoch ähnlich wirkungsvolle Verteilstelle für Unwahrheiten und hetzerische Kommentare.

Wenn sich rund um solche Auftritte hunderttausende, Millionen Menschen scharen und sich nur noch daraus mit Informationen versorgen, dann glauben diese Menschen bald an eine ganz eigene, vorgegebene Realität. In dieser Realität gibt es Worte wie „Systemmedien“, „Lügenpresse“ oder „Fake News“ und alles, was von den solcherart bezeichneten Medien geschrieben und  veröffentlicht wird, wird als Unwahrheit eingestuft. Viele Menschen lassen sich für die tatsächlichen Informationen und Fakten gar nicht mehr erreichen (ein wirklich erschreckender Umstand).

Die drei Vorträge Linsingers sind eine Bestandsaufnahme, die für das Buch um die neuesten Entwicklungen ergänzt wurden – denn ohne die Ibiza-Affäre, die erst Mitte 2019 und somit einige Monate nach den Vorträgen publik wurde, wäre dieses Buch natürlich nicht vollständig.

Diese „Ibiza-Affäre“ ist zum einen das schier unglaubliche Dokument über skrupellose und größenwahnsinnige Politiker, andererseits aber auch ein Ereignis, das den Wert des Journalismus in den Augen der Menschen sicherlich wieder vergrößert hat. Denn wer nicht völlig blind durch die Welt geht und nicht völlig von den Falschmeldungen und Triaden der Rechtspopulisten indoktriniert wurde, erkennt klar, dass diese Affäre ohne den Qualitäts- und Aufdeckerjournalismus niemals diese Verbreitung gefunden hätte.

Eva Linsinger sieht in den Schlüssen, die sie in ihren Vorträgen zieht, ebenfalls diese Chance für den freien Journalismus: dass es die denkenden Menschen langsam aber sicher leid sind, dass uns Parteien und Demagogen mit Texten überschwemmen, die nichts anderes als plumpe Meinungsmache sind und mit der wirklichen Welt draußen vor unseren Fenstern nur wenig gemein haben.

Ich schließe mich dem aus tiefster Überzeugung an: überprüfte und überprüfbare Fakten vor den Vorhang; Fake News, verlogene Meinungsmache und Rchtsaußen-Ideologien bitte schnell auf den Müllhaufen der Geschichte!



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