Buchbesprechung/Rezension:

Florian Scheuba: Wenn das in die Hose geht, sind wir hin
Chats, Macht und Korruption. Eine Spurensuche


verfasst am 21.05.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Politik, Satire, Scheuba, Florian
LiteraturBlog Bewertung:

Wir in Österreich sind stolz auf unsere Traditionen. Eine davon, wir können gar nicht mehr auf sie verzichten, ist jene, dass einer ÖVP-FPÖ Koalition jahrelange Gerichtsverfahren folgen. Da soll noch jemand sagen, dass diese beiden Parteien nicht sozial wären – sie sorgen geradezu liebevoll für Arbeitsplatzsicherheit in der Justiz.

War und ist schon die Schüssel-Haider Regierung wahrer Quell der Freude für Rechtsanwälte, Staatsanwälte und Richter, so wird das noch übertroffen durch die Kurz-Strache-Verbandelung (Regierung möchte ich das nicht nennen); und das, obwohl letztere nicht einmal zwei Jahre hielt (2017-2019), gegenüber acht Jahren bei Schüssel-Haider (1999-2007).

Kurz und Strache und alle ihre Freunde waren also noch viermal sozialer!

Weil es nichts Lohnendes mehr aus dem Staatsbesitz zu verscherbeln gab – das wurde schon in den Jahren 1999 bis 2007 erledigt –  wurde ab 2019 eben mit Posten geschachert. Damit kann man sich ja auch ein gutes Einkommen verschaffen. Dass ein dann ergatterter gut dotierter Staatsposten nicht gleichzeitig viel Arbeit bedeutet, lässt sich an der Leistung des Herrn Thomas Schmid als Chef der ÖBAG ablesen: verständlich, denn wer es schafft in kurzer Zeit mehr als 334.000 private Chatbeiträge zu verfassen, der hat schlicht und einfach keine Zeit mehr, sich um anderes, berufliches zu kümmern. Der legendäre Satz „wo woa mei Leistung?“ (© Walter Meischberger) ist eben zeitlos.

Florian Scheuba ist „investigativer Kabarettist“ und immens engagiert in der Beobachtung der  Hinterlassenschaften von Kurz-Strache: den Ibiza-Tapes und den Chat-Meinungsumfragemanipulations-Postenschacher-etc. Affären in der Kurz’schen Freunderlpartie.

Scheuba bringt also beides zusammen: das Aufdecken und Analysieren der Vorgänge rund um die von den beiden Herrn K. und S. geförderten Freunde und Spender und eine Dokumentation all dessen in zugleich enthüllender und irrsinnig witziger Form.

Alle Bonmots und kabarettartigen Aussagen kann sich Scheuba aber nicht auf dem Hut schreiben; vieles davon ist einfach 1:1 zitiert und wäre auch irrsinnig komisch, wenn das nicht von Leuten käme, für die wir mit unseren Steuergeldern viel bezahlt haben und die nur für sich und ihre Haberer und ganz nebenbei auch an der Aushöhlung unserer Demokratie gearbeitet haben. Ganz nach weltweit zu verfolgenden Methode der Rechtspopulisten (Wen wundert es, dass der jugendliche Ex-Kanzler Kurz bei einem der engsten Trump-Unterstützer in den USA angeheuert hat?).

So ist auch der Titel „Wenn das in die Hose geht, sind wir hin“ keine Scheuba-Erfindung, sondern genau so von Thomas Schmid gechattet.

Es gibt jede Menge an großartigen Vergleichen oder Formulierungen in diesem Buch zu lesen, beispielhaft nur eine davon.  (S. 41):

Am 25. Juni 2020 erklärt er dazu unter Wahrheitspflicht vor dem U-Ausschuss: »Genau kann ich mich daran nicht mehr erinnern. Das ist über 15 Jahre her.«

Die sich hier offenbarende radikal subjektive Zeitwahrnehmung ist wohl Voraussetzung für diese weltrekordverdächtige Vergessensleistung, mit der er sich den Titel »Amnesie-Legende« verdient hat.

Im einem Presse-Interview meinte Blümel: »Ich würde alles noch einmal so machen.« Denkbar, dass er eine Wiederholung seines bisherigen Lebens gar nicht als solche erkennen würde.

Das Thema „Vergessen“ ist tatsächlich, schon rein medizinisch betrachtet, eine der großen Tragödien aller dieser Vorgänge. So viele junge Leute erscheinen vor den Untersuchungsausschüssen, die sich schon an nichts mehr erinnern können. Es ist wahrlich zum Weinen.

Florian Scheuba übernimmt mit diesem Buch nicht nur die Rolle des Aufdeckers und Analysten – er ist auch ansonsten der unentwegte Chronist der unter Kurz-Strache in die Wege geleitetem Rückwärtsevolution unserer Demokratie, die es immerhin geschafft hat, Österreich eine Ermahnung durch die EU-Kommission einzutragen.

Diese Entwicklung war aber kein Wunder, mit allen den Orban-, Putin- und Trump-Bewunderern, die sich in diesem Gruselkabinett von einer Regierung tummelten.

Die zentrale Quelle für die Themen in diesem Buch ist der Untersuchungsausschuss, der mögliche Korruption innerhalb der ÖVP-Mannschaft aufdecken soll (wo bei ich natürlich niemals behaupten würde, dass es Korruption gegeben hätte oder gibt – nie!)

Für alle, die sich mit österreichischen Politik-Verhältnissen nicht so gut auskennen: dieser Untersuchungsausschuss wird von Herrn Sobotka geleitet, der als führender Funktionär der ÖVP selbst ein Betroffener der Untersuchung ist. Ja, so ist das eben bei uns: Wir untersuchen uns selbst, so ehrlich sind wir.

Was Florian Scheuba ganz wunderbar schafft, das ist dieses überaus ernste Thema in eine Form zu bringen, die auch Menschen anspricht, die ansonsten von Politik nichts wissen wollen. Schwungvoll und leicht, witzig und prägnant liest man also über Vorgänge, die eine demokratieverhöhnende Mentalität zeigen.

Welch ein Glück für uns alle, dass mit Hilfe des Ibiza-Videos diese Regierung gesprengt wurde; denn hätte man alle diese Leute weiter werken lassen, hätte das schleichend durchaus zu Zuständen führen können, wie wir sie heute aus Ungarn kennen.

Beide Herren – Kurz und Strache – bedienten sich zwar unterschiedlicher Herangehensweisen, wollten im Endeffekt aber das Gleiche: die Minimierung der Demokratie zur Maximierung der eigenen Machtposition.

Abseits der launigen Anmerkungen ist das Buch aber vor allem eine sehr detailreiche Zusammenfassung der Machenschaften des „Dreamteams“ Kurz, Strache & Compagnions, ergänzt um andere erwähnenswerte Ausnutzer des Systems.

Verfolgt man das alles  in den Medien, so kann man angesichts der schieren Menge der aufpoppenden Informationen leicht den Überblick verlieren (verloren haben). Scheuba verfasst mit diesem Buch auch einen Überblick, bringt in Erinnerung und liefert das nach, was man bislang in der Masse der Enthüllungen übersehen hat.

Ein Buch, das man unbedingt lesen sollte: als ÖsterreicherIn, um zu sehen, dass man selbst bei uns nicht mit allem durchkommt und als Nicht-ÖsterreicherIn, um zu sehen, was alles passieren kann, wenn man sich eine Populisten-Regierung wählt.

Oft musste ich lauthals lachen, zum Weinen war mir allerdings noch öfter.




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