Franzobel: Rechtswalzer

verfasst am 01.12.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Franzobel, Satire

Wir befinden uns im Jahr 2024 und alles scheint wie früher. Man lebt sein Leben, die Kinder bekommen am ersten Schultag eine Schultüte, ein Spätsommertag sorgt für beschwingte Gefühle; ganz besonders bei Malte Dinger, Besitzer eines florierenden Getränkehandels, der an diesem Tag sehr zufrieden und entspannt in die Welt blickt.

Vorab gleich eine persönliche Notiz: Als Malte Dinger seinen Sohn Carvin zur Schule bringt, als er dann durch den Resselpark zur U-Bahn Station Karlsplatz schlendert, da merke ich: es ist von meiner eigenen Volksschule die Rede (und gleich krame ich wehmütig ein paar alte vergilbte Fotografien aus der Schuhschachtel, die weit hinten im Schrank steht)! Das legt von Anfang an die Basis für ein sehr gutes Verhältnis, das dieses Buch und ich haben sollten.

Zum Ende des ersten Kapitels wähne ich mich dann kurz in einem Horrorroman, weil hier die türkis-blaue Koalition doch wirklich ganze fünf Jahre gehalten hatte; aber nur kurz ist der Schock, denn es ist ja (in der Wirklichkeit) damit schon vorbei und so etwas kommt sicher (?) niemals wieder (zum Verständnis: der Roman wurde im Jänner 2019 veröffentlicht, also ein paar Monate vor dem Ibiza-Video). Hier im Buch ist diese vergangene Regierung aber nur eine Art sanfte Overtüre zur neuen Regierung, die uns im Jahr 2024 sagt, wo es wirklich entlang geht. Es geht in Richtung Heimat und Ordnung (eigentlich harmlose Worte, aber die, die es angeht, wissen schon, wie sie das zu verstehen haben: offensiv und ausschließend), wie immer mit der Unterstützung williger Bürger, die zwar wählen dürfen, dabei aber nicht denken müssen/können.

Wir wissen zunächst nicht, ob Malte Dinger auch einer dieser Leute ist (war), man kann ja nicht hinein schauen in einen Menschen (was Malte sich so denkt, lässt aber den Schluß zu, dass er kein ausgewiesener Fan der neuen Regierung ist). Falls er aber bisher glaubte, dass ihn als unauffälligem Staatsbürger alle diese neuen Regeln und Gesetze sowieso nichts angehen, dann muss er jetzt miterleben, wie schnell es gehen kann und man mutiert vom Unbeteiligten zum Betroffenen; kein Zufall ist es dann in dieser Stimmung, in der Fremdes erst einmal als Gefahr gesehen wird, dass man ihn wegen seinen Namens auch oftmals misstrauisch fragt, ob er denn Jude sei.

Malte Dinger also: eine vergessene Monatskarte für die Öffis bringt ihn zuerst in Erklärungsnöte und sein darauf folgender, etwas schroffer Umgang mit den Amtpersonen, ihn in weiterer Folge ins Graue Haus.

Selbe Zeit, selbe Stadt: Kommissar Groschen hat es mit zwei Fällen zu tun: zum einen der – ja, was ist er denn wirklich? Ein Gigolo, ein Heiratsschwindler, einer von der Mafia? – Mann, der auf äußerst unerfreuliche Weise umgebracht wurde und dann der gekündigte Gemeindemitarbeiter aus der niederösterreichischen Provinz, der Groschen über einen eklatanten Fall von Korruption berichtet. Über den Umweg über die Kleinstadt Untergrutzenbach im nördlichen Niederösterreich und die etwas größere Stadt Split in Kroatien kommt Groschen in seinen Fällen zwar weiter, aber wohin ihn das führen soll, davon hat er keine Idee. Ein Bürgermeister/Bankdirektor, der lebt wie ein Millionär, die Bauunternehmer-Familie, die im internen Kleinkrieg innig verbunden ist, gleichzeitig sehr komfortabel von den guten Verbindungen mit den richtigen Leuten lebt; und dazu der Tote – etwas fehlt und Groschen kommt nicht darauf.

Franzobel schreibt witzig, die Lust am Fabulieren und an der Satire lässt sich aus jeder Zeile lesen; ein ganz eigenes Thema sind überdies die Namen der Protagonisten, die für sich alleine schon eine reichhaltige Sammlung an Andeutungen und Verweisen sind. Der Text ist stellenweise sogar richtig witzig, die Welt, in der der Roman spielt, jedoch ganz und gar nicht. Die Nachfolgeregierung von Türkis-Blau nennt sich LIMES und ist dabei, das Land, ganz im Stile von Vorbildern aus dem vorigen Jahrhundert von ganz rechts und ganz links, gleichzuschalten. Lange wird man in diesem Österreich nicht mehr seine Meinung sagen können, weil Spitzel überall lauern und die ersten Menschen verlassen schon das Land aus Furcht vor Verfolgung: Juden, Ausländer, Anders-Denkende. Dafür wurden schon einmal, ganz in Orwell’scher Tradition die Ministerien umbenannt: Ministerium des Glücks, des Wohlstandes, der Liebe. Willkommen, „Schöne neue Welt“ (um gleich einen weiteren Klassiker zu zitieren), in einem Land frei von fremden Einflüssen –  Schluss mit der „Umvolkung“ und dem „Bevölkerungsaustausch“ würden das die Einzelfälle der „Freiheitlichen“ (und ähnlicher … schaften) auch heute schon nennen.

Mag der Roman auch eine sehr überspitzte Fortschreibung der Entwicklung in den letzten Jahren sein, so ist es doch eine konsequente Fortschreibung, eine mögliche Perspektive; ob es so weit kommen wird/muss, das haben wir selbst in der Hand. Wenn die Populisten, die Dummen und die Rückwärtsdenker die Meinungshoheit übernehmen, dann werden sie die Meinungslosen und die (vermeintlich) Zu-Kurz-Gekommenen weiterhin ganz leicht auf ihre Seite ziehen können. Das passierte schon oft in der Geschichte der Menschen – aber muss es wieder geschehen?

Franzobel verliert sich zuweilen in zu viel Überspitzungen und Überzeichnungen, wenn er von Malte Dingers irrwitziger „Reise“ durch die Mühlen der Justiz erzählt; er walzt zuweilen die Klischees von den korrupten Neureichen und den politischen Opportunisten etwas zu sehr aus. Nebenbei legt er keinen gesteigerten Wert auf regelkonforme Satzzeichen-Verwendung. So viel von allem, dass es schon eine ordentliche Portion Geduld und Ausdauer verlangt, um – spät im Roman – endlich auf den Kern der Sache zu stoßen: wieder einmal feiert man den Opernball.

Aufgepasst: ist Herr Franzobel Hellseher oder kannte er bestimmte Dinge schon vor uns allen? Denn es ist so, dass sich im Zuge der Geschehnisse immer mehr abzeichnet, dass es um etwas geht, das ein ehemals als Vizekanzler-Darsteller auftretender Burschenschafter in einem zwischenzeitlich, aber wie erwähnt zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung noch nicht, bekannten  Video einer „schoafn“ Origarchennichte versprach …

Franzobel ist ein Autor, der sich hier seine Abneigung über die politischen und moralischen Entwicklungen, die der Rechtspopulismus anheizt, von niederschreibt. Oft möchte man „Ja, genau“ rufen, man findet Zitate aus den realen Wortmeldungen von allerlei widerwärtigen Leuten und man wird vielleicht genauso oft etwas lesen, das man schon selbst als düsteres Zukunftsszenario befürchtet hatte. Das alles kann ich sehr gut nachvollziehen, denn bei vielem, was in den letzten Jahren zu hören und zu lesen war, reichte ein simples Kopfschütteln wirklich nicht mehr aus, um das eigene Unverständnis und die Abscheu vor solchem Geschehen auszudrücken.

Fazit: eines von vielen Büchern über DIE gesellschaftlichen Themen und Bedrohungen unserer Zeit: Nationalismus, Rassismus, Rechtpopulismus. Aber eben nur eines von vielen – denn wenn es  in „Rechtswalzer“ etwas weniger surreale Übertreibung und viel weniger Abschweifungen geben würde, dann wäre dieser Roman weitaus wirkungsvoller.



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