Buchbesprechung/Rezension:

Christine Neumeyer: Im Schatten des Thronfolgers
Ein k. u. k. Krimi

Im Schatten des Thronfolgers
verfasst am 22.03.2024 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Kriminalromane, Neumeyer, Christine
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Man schreibt das Jahr 1909: Erzherzog Franz Ferdinand ist der Thronfolger, der dem greisen Franz Josef als Kaiser der H.u.k.Monarchie nachfolgen soll. Das Schloß Artstetten ist seit zwanzig Jahren im Besitz von Franz Ferdinand und der Ort, den er nach seinen Vorstellungen umbauen lässt.

Eines der Projekte in Artstetten ist der Bau einer eigenen Gruft. Da seine nicht standesgemäße Ehefrau Gräfin Sophie Chotek nicht in der Kapuzinergruft neben den Habsburgern beerdigt werden darf, lässt er für sich, seine Frau und seine Nachkommen eine eigene Gruft auf dem Gelände errichten.

Die Baustelle ist der Ausgangspunkt des Kriminalfalles, zu dem Polizeiagent Pospischil und sein Assistent Dr. Frisch eigens aus Wien abkommandiert werden. Denn wenn die Reputation der Habsburger auf dem Spiel steht, dann sind nicht nur höchste Diskretion, sondern auch eine rasche Klärung erforderlich. Die besten Leute müssen es richten.

Im Gewölbe wird der Leichnam eines Kindes gefunden und zunächst ist völlig unklar, ob es eine Verbindung zum Herrscherhaus gibt. Als Dr. Frisch feststellt, dass das Kind nicht tot geboren, sondern gewaltsam zu Tode gebracht wurde, ist noch größere Eile geboten.

Wer vermisst sein Neugeborenes, welche Frau könnte die Mutter des Kindes sein, denn eine Schwangerschaft ließe sich doch kaum  verbergen. Bevor diese Frage geklärt werdne kann, stoßen Pospischil und Frisch bei der Befragung des Umfeldes auf einige seltsame Vorgänge im Schloß udn im Ort.

Da ist beispielsweise der Baron von Wald, der Kammerherr des Erzherzogs, der in Abwesenheit Franz Ferdinands nicht ganz legale Treffen auf dem Gelände des Schlosses organisiert und dabei sehr ordentlich verdient; manchmal noch mehr, wenn sich einer der Gäste in verfänglicher Situation erwischen lässt – denn der Baron versteht es ausgezeichnet, davon Fotografien anzufertigen, mit denen sich honorige Herren erpressen lassen. Oder der Umstand, dass die Hebamme im Ort Bescheid wissen sollte, wenn es um Neugeborene geht, doch diese streitet jegliche Kenntnis davon ab. Und dann die Liebschaft des Grafen mit der Bürgerlichen – eine Liaison, die niemals gut enden kann.

Zwar bleibt in dem es nicht nur bei einem unnatürlichen Todesfall, doch ist es viel mehr ein Zeitgeist-Roman über den Beginn des 20. Jahrhunderts als ein Krimi. Ein Buch über die Zeit, als die erstarrte Regierung des Kaisers und die technischen und gesellschaftlichen Neuerungen für wenige Jahre noch nebeneinander existierten.

Es geht also nicht vorrangig um Spannung: Die Krimihandlung ist eher beschaulich und schlendert gewissermaßen der Auflösung zu. Dafür erfährt sehr viel über den Alltag, wie das Automobil langsam Einzug hielt, wie moderne Ermittlungsmethoden die Arbeit der Polizei unterstützten, wie der Ausbau der Kommunikation mit Telefon noch in den Kinderschuhen steckte. Das alles in einer Atmosphäre, in der das ganz Land darauf zu warten schien, dass ausgehend aus dem Schloss Schönbrunn endlich wieder neue Impulse das Land erfassen. Aber, wir wissen es, der greise Kaiser wird keinesfalls zur Seite treten.

Franz Ferdinand, der Thronfolger, der im Titel des Romanes erwähnt wird, spielt keine Rolle in der Handlung. Wichtig ist für diese nur seine bevorstehen Ankunft in Artstetten: denn bis dahin muss alles geklärt sein.

Ein gemächlicher Roman mit äußerst sympathischen Hauptdarstellern, der zum flotten Durchlesen einlädt. Aber auch mit einer etwas wehmütigen Grundstimmung, eben weil Christine Neumeyer so glaubhaft das Leben in den letzten Jahren der Monarchie beschreibt.




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