Buchbesprechung/Rezension:

Barack Obama: Ein verheißenes Land


verfasst am 01.01.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Biographie, Obama, Barack
LiteraturBlog Bewertung:

Ich weiß, dass das jetzt ein ganz gemeiner Spoiler ist aber: am Ende gewinnt er die Wahl!

Natürlich wissen wir das, aber man muss es sich doch immer wieder in Erinnerung rufen, dass ein Land, das später den größenwahnsinnigen Rassisten Trump ins Amt wählte, zuvor zweimal, in den Jahren 2008 und 2012, Barack Obama zum Präsidenten gemacht hatte. Das soll jemand verstehen (aber wenigstens ist der Albtraum mit 20. Jänner 2021 vorbei).

Viele Menschen werden sich, so wie ich, noch gut daran erinnern können, wie im Jahr 2007 ein vormals bei uns völlig unbekannter US-Politiker mit dem Wahlslogan „YES WE CAN“ auf die Weltbühne stürmte. Man musste einfach staunen, dass es in den USA nach damals beinahe 8 Jahren Bush-Regierung auf einmal so viel Zuspruch für einen Mann geben konnte, der keiner dieser erzkonservativen Betonköpfe war, die damals die US-Politik dominierten.

Obama war so ganz anders, als man es von US-Politiker gewohnt war und er war – welch eine Schande, dass man das damals (und heute) bemerken muss – ein Mann mit dunkler Hautfarbe in einer von Weißen dominierten Welt. Wie sollte dieser Barack Obama es schaffen, die Mehrheit der Amerikaner für sich zu gewinnen?

In diesem ersten Teil seiner Biografie erzählt Obama davon, wie er in die Politik einstieg und wie es dazu kam, dass er sich zur Kandidatur entschied. Diese Entscheidung war an sich schon bemerkenswert, denn zu diesem Zeitpunkt hatte Obama gerade einmal zwei Jahre als US-Senator in Washington absolviert und ein paar wenige Jahre im Kongress des Staates Illinois. Mit Abstand war er der Kandidat mit der geringsten Erfahrung.

Obwohl wir wissen, wie die Jahre seit damals verlaufen sind, ist das Buch spannend und vor voller neuer Einblicke in die Hintergründe (jedenfalls für mich, als Europäer). Wie die erste Herausforderung war, zunächst seine Frau Michelle davon zu überzeugen, dass es richtig war zu kandidieren. Wie er recht rasch von der einen Seite Zuspruch und Unterstützung erfuhr, während ihm zugleich die Drohungen und der unglaubliche Hass entgegenschlugen.

Obama musste weitaus früher, als es normalerweise bei Kandidaten der Fall ist, unter den Schutz des Secret Service gestellt werden, weil die Bedrohung seitens der Rassisten und der Erzkonservativen in dem Moment bedrohlich wurden, als sein Bekanntheitsgrad landesweit stieg. Und immer musste Obama, ganz im Gegensatz zu seinen weißen Mitbewerberinnen und Mitbewerbern, zwischen den Ansprüchen und Befürchtungen der Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher Hautfarbe balancieren. Ein Umstand, der wohl auch dazu führte, dass die Erwartungen der schwarzen Bevölkerung nur wenig erfüllt wurden – denn Obama musste früh akzeptieren, dass man gegenüber der weißen Bevölkerungsmehrheit vorsichtig agieren musste, weil sich hier recht schnell die Ängste vor dem Verlust der (Vormacht-)Stellung breit machen konnten. Dass das am Ende nichts nützte, sondern im Gegenteil der Rassismus in den USA alleine durch Obamas Präsenz neu befeuert wurde, ist eine erschütternde Erkenntnis.

Einerseits beschreibt Obama aus seiner Sicht alle die Treffen, Konferenzen, die kritischen Momente, die Erfolge und Niederlagen seiner Amtszeit. Ein durchgehendes Thema ist dabei die Obstruktionspolitik, mit der die Republikaner von Anfang an versuchten, seine Regierung zum Scheitern zu bringen – im Grunde dieselbe Vorgangsweise, mit der aktuell die Republikaner versuchen, die Wahl Joe Bidens als Betrug hinzustellen. Apropos Joe Biden: es ist durchaus interessant, Obamas Erinnerungen über die Zusammenarbeit mit Biden, den Erinnerungen Bidens an die Zusammenarbeit mit Obama gegenüberzustellen (nachzulesen hier: Joe Biden: Versprich es mir). Aus beiden Bücher lässt sich die Freundschaft der beiden heraus lesen.

Andererseits, und das macht dieses Buch dann besonders, berichtet er über die Veränderungen und Einschränkungen, die das Amt für die ganze Familie mit sich brachten. Es bewegt, wenn man liest, wie Obamas (erste) Eindrücke vom Oval Office waren, wie das Leben der beiden Töchter Sasha und Malia ganz neu organisiert werden musste, welche zentrale Rolle Michelle übernahm. Diese Einblicke in das Private lassen es ein wenig verstehen, was es bedeutet, US-Präsident zu sein, auch wenn man nicht gerade große Politik macht.

Das Buch ruft die Ereignisse (und Katastrophen) in Erinnerung, die während Obamas Amtszeit stattfanden. Weil das alles noch nicht so lange zurückliegt, kann ich mich an das meiste davon noch sehr gut erinnern, aber einiges hatte ich auch schon vergessen – das Buch ist somit auch eine Auffrischung in Zeitgeschichte.

Mit den Kapiteln über die Langzeit-Baustellen der US-Politik (Stichwort: „Obamacare“, Klimaschutz), erklärt Obama auch für uns Europäer einigermaßen verständlich, warum einige Themen in den USA dermaßen ideologisch aufgeheizt sind. Seine Berichte erklären zwar inhaltlich, warum man in den USA beim Gesundheitssystem der zivilisierten Welt derart nachhinkt; warum das Land es aber nicht vermag, ein funktionierendes Gesundheitssystem für alle auf die Beine zu stellen, das bleibt aber aus moralischer und gesellschaftlicher Sicht völlig unverständlich.

In dieser Chronik der Jahre 2009-2011 (das Buch endet mit der Aktion „Neptun Spear“, bei der Osama bin Laden getötet wurde) liefert der Präsident eine Menge an Hintergrundinformationen nach, persönliche Einschätzungen über seine Gesprächspartner und die Wege der Entscheidungsfindungen. Da liest man nun auch vieles, dass Obama zum damaligen Zeitpunkt aus diplomatischen Erwägungen heraus nicht veröffentlicht wissen wollte.

Obama hat ein Buch geschrieben, das die Leserinnen und Leser oftmals sehr nahe beim Geschehen dabei sein lässt. Man meint dann, selbst durch die Gänge des Weißen Hauses zu gehen oder an einem Konferenztisch zu sitzen. Das ist durchaus bemerkenswert und weder typisch noch erwartbar in der Autobiografie eines US-Präsidenten.

Ein sehr persönliches Buch.




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