Buchbesprechung/Rezension:

Diane Oliver: Nachbarn
Storys

Nachbarn
verfasst am 29.01.2024 | einen Kommentar hinterlassen

Autorin/Autor: Oliver, Diane
Genre: Kurzgeschichten
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Der Rassismus erlebt gerade einen neuen Höhepunkt. Ich kann nicht im Ansatz nachvollziehen, was in den Köpfen von Leuten vorgeht, die sich für besser halten, nur weil sie das reine Glück haben von Vorfahren mit heller Hautfarbe abzustammen, die mitten in Europa oder Nordamerika zur Welt kamen.

Jetzt gibt es (noch immer, schon wieder) Rechtsextremisten, die zusammentreffen, um die Deportation von ihnen nicht genehmen Menschen zu planen. Ohne allzu viel hineininterpretieren zu wollen, fällt mir dazu ein, dass auch die Nazis zuerst „nur“ von der Deportation der Juden redeten, bevor sie Millionen ermordeten.

In so einer Zeit sind Bücher zu diesem Thema umso wichtiger. Eher nicht, weil sie Rassisten dazu bringen, ihre Einstellung infrage zu stellen (das wird leider selten erfolgreich sein), sondern für alle anderen, denen damit bewusst wird, dass es viel zu tun gibt.

Es ist genau die richtige Zeit, die beinahe vergessenen Kurzgeschichten von Diane Oliver zu veröffentlichen.

Die Kurzgeschichte „Nachbarn“ hat eines der bekanntesten Ereignisse aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegung im Inhalt: Als nach Aufhebung der Rassentrennung die ersten farbigen Schüler an bisher den Weißen vorbehaltenen Schulen kamen, löste das Gewalt, Mord und noch mehr Gewalt aus.

Was geschieht, wenn dann endlich einige Studentinnen und Studenten einen Platz an einer der vormals nur Weißen vorbehaltenen Schulen bekommen haben? Wie man sich dann wie ein Fremdkörper fühlt, wie die, wenn nicht offene, dann doch spürbare Ablehnung einen jungen Menschen an dessen psychische Grenzen bringt, ist das Grundthema in der Kurzgeschichte „Die Kammer im obersten Stock“.

Im Bus auf jedem Platz sitzen, in jedes Lokal gehen und bedient werden, sich für Wahlen zu registrieren, die Schule oder Universität der Wahl besuchen. Was soll daran besonders sein? Nun, wenn man in den 1950er und 1960er-Jahren als Schwarzer in den Südstaaten der USA lebte, dann waren das drei Anlässe, aus denen man von einem weißen Mob gejagt, gequält oder gelyncht werden konnte. Wer es „besser“ traf, wurde „nur“ von der Polizei verhaftet, verprügelt und wieder auf die Straße geworfen.

Wenn ich das lese, kommt mir in den Sinn, dass sich das, worüber Diane Oliver schreibt, nur wenige Jahre nach dem Ende des Krieges gegen die Nazis ereignete, als schwarze und weiße US-Soldaten gemeinsam gegen die Barbaren kämpfen. Es sind somit dieselben weißen Männer und die Kinder dieser weißen Männer, die damals Seite an Seite standen, die sich jetzt genauso verhalten wie die, die sie vor einer Generation gemeinsam bekämpften.

Dazu passt die Kurzgeschichte „Wenn die Äpfel reif sind“: Es ist, als ob der Sohn in den Krieg zeiht, wenn er sich aus dem Norden der USA kommend im Süden in Mississippi den Protesten für die Bürgerrechte anschließen will. Als ultimatives Tabu, als schier undenkbar galt wohl eine Ehe zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, „Spinnen weinen ohne Tränen“ erzählt davon.

Dass Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht nur in den USA anders behandelt werden, ist im Kapitel „Banago Kalt“ am Beispiel der Schweiz zu lesen. Dort ist man mit dunkler Hautfarbe zwar nicht in Lebensgefahr, wird aber bestaunt wie eine Attraktion auf dem Jahrmarkt. 

Diane Oliver beschreibt die vielfältigen Arten, wie viele der Menschen, die mit weißer Hautfarbe geboren wurden, sich anderen gegenüber verhalten. Wenn man Farbigen nicht mit Wut und Hass begegnet, dann mit Staunen, oder mit überbordender Zuneigung, als könnten Menschen mit anderer Hautfarbe ihr Leben nicht selbst meistern, andere nehmen sich wie selbstverständlich das Recht heraus, Anweisungen zu erteilen. So war es damals, so ist es unglaublicherweise auch heute noch viel zu oft. Wie oft, und in welchem Ausmaß, das erfährt man auch im Jahr 2024 regelmäßig aus den Nachrichten.

Zusammengefasst: Die 14 Kurzgeschichten ergeben ein deutliches Bild vom Leben, von den Familien, den Ängsten und den Perspektiven schwarzer Frauen, Männern und Kindern im Amerika zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung.

Aus dem Leben heraus geschrieben

Diane Oliver beschreibt diese Vorgänge einem derart klaren Stil, der nicht vermuten lässt, dass sie erst rund zwanzig Jahre alt war, als sie die Kurzgeschichten verfasste. Bemerkenswert, wie abgeklärt und mit welchem Weitblick sie die Verhältnisse betrachtet und beschreibt. Es gelang ihr, ihre eigenen Erfahrungen mit dem alltäglichen Rassismus in Worte zufassen, die ihre Aktualität seit damals nicht verloren haben.

Oliver wuchs in North Carolina auf, einem Staat, der den Südstaaten der USA zugeordnet ist. Rassentrennung und Beschneidung der Rechte von Schwarzen waren dort seit dem Ende des 19. Jahrhunderts durch Gesetze festgeschrieben. In diesem ehemaligen Sklavenstaat, der sich im Bürgerkrieg der Konföderation angeschlossen hatte, setzten die Weißen alles daran, ihre Vorherrschaft aufrechtzuerhalten.

Wenn man die Geschichten in diesem Buch liest, dann weiß man also, dass nur die Namen darin Fiktion sind, dass aber alles real ist, was beschrieben ist, dass es so oder so ähnlich wirklich geschah.

Diane Oliver starb im Jahr 1966 im Alter von zweiundzwanzig Jahren bei einem Verkehrsunfall; mit ihrem Tod wurden der Welt mit Sicherheit viele weitere grandiose Erzählungen vorenthalten.

Und die Gegenwart …?

Wie erschütternd ist es, dass es heute, sechs, sieben Jahrzehnte später, in den USA Politiker der Republikanischen Partei gibt, die in aller Ernsthaftigkeit von den Vorteilen und dem guten Leben der Sklaven in der Sklaverei schwafeln. Leute, die gewählt wurden und die als Repräsentanten des Landes in Kongressen und Senaten sitzen. Dazu die ungeniert agierenden Rassisten, die „White Supremacists“, Nazis und rechten Schläger, die unter dem Schutz einer Meinungsfreiheit ihre Gewalt und ihre Dummheit verbreiten. An Spitze von allem ein Verrückter, der wieder Präsident werden könnte.




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