Buchbesprechung/Rezension:

Michelle Obama: Becoming
Meine Geschichte


verfasst am 13.09.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Biographien, Obama, Michelle
LiteraturBlog Bewertung:

Von allen First-Ladies, an die ich mich erinnern kann, ist Michelle Obama für mich die mit Abstand beeindruckendste, jene, die als Mensch auch für sich alleine und ohne immer ihren Mann in einem Nebensatz erwähnen zu müssen, in Erinnerung bleiben wird.

Ihre Biografie, die noch vor der von Barack Obama erschien, ist die Lebensgeschichte einer Frau, die viele Seiten der Gesellschaft in den USA gesehen hat, jene, die den Abstieg ganzer Communitys zeigen wie auch jene, in der zwei junge Menschen ohne das Zutun von einflussreichen Unterstützern, ganz aus eigener Ambition und aus eigenen Können in das Weiße Haus kommen.

Der erste Teil der Biografie beschreibt Michelles Kindheit, Jugend und den Beginn ihrer Tätigkeit als Anwältin. Zu lesen ist, wie eines Tages ein junger Mann namens Barack Obama in ihr Büro kam, den sie bei dessen ersten Schritten als Anwalt begleiten sollte. Das bereite Lächeln dieses jungen Mannes, so wie sie es beschreibt, lernten ein paar Jahrzehnte später die ganze Welt kennen.

Was mich in diesen Kapiteln auch beeindruckt ist, wie sich Michelle Obama offensichtlich als unglaublich viele Details auch ihrer frühen Kindheit erinnern kann und das noch bevor sie begann, ein Tagebuch zu führen. Das, so schreibt sie, begann nämlich erst im Alter von ca. 25 Jahren.

Michelle Obama schreibt ungleich persönlicher, als Barack in seinem Memoiren. Es gelingt ihr damit, die Gefühle und Emotionen der wichtigen Stationen in ihrem Leben miterleben zu lassen.

Ein berührendes Beispiel dafür ist die Erinnerung an die Krankheit ihres Vaters, an die Gewissheit seines nahenden Todes und an die Bewältigung der Trauer in ihrer Familie. Dieser eine Satz am Anfang von Kapitel 11 umfasst das alles:

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, tut das Weiterleben weh. Das ist einfach so.

In den Abschnitten, in denen Michelle über das Werden ihrer Beziehung zu Barack schreibt, kann man viel wiedererkennen, was später, als die beiden das Weiße Haus durch ihre Präsenz mit ganz neuer Dynamik erfüllten, auch für die Öffentlichkeit sichtbar wurde.

Die Zeit der Präsidentschaft nimmt den größten Teil des Buches ein. Wie es so ist, das Leben im Weißen Haus, wie die beiden Töchter mit dieser drastischen Umstellung in ihren Tagesabläufen umgingen, wie man sich fühlt, wenn man immer von hilfreichen Angestellten umgeben ist und wie man sich fühlt, wenn man immer jemanden an der Seite hat, der für die Sicherheit sorgt. Dazu die Treffen mit Persönlichkeiten der ganzen Welt, von Queen Elizabeth (mit der sich eine sehr positive Beziehung entwickelte) bis zu Nelson Mandela.

Michelle Obama beschreibt, welche Rolle sie als Frist Lady gefunden hat und wie sie ihre eigenen Themen fand. Sehr offen schreibt sie auch darüber, wie so fortwährend darauf achten musste, wie ihr Ausdruck, ihre Gestik, ihre Kleidung bewertet wurden und wie die Republikaner immer auf der Suche waren, irgendetwas zu finden, um damit Obamas Präsidentschaft zu schaden.

Gerade mit der Beschreibung dieser Fundamentalopposition beschreibt Michelle Obama auch eines der Grundübel der US-Demokratie: dass es nur zwei Parteien gibt und dass bei den Republikanern die Rechtsextremen das Ruder übernommen haben und die Gemäßigten aus Angst vor Repressalien dazu schweigen. So wurden Gesetzesentwürfe Obamas immer abgelehnt, aus rein ideologischen Gründen, weil man einem schwarzen Präsidenten keinerlei Erfolg zugestehen durfte, das Land und die Menschen spielten (und spielen) für diese Republikaner schon lange keine Rolle mehr. Gäbe es in den USA wie bei uns mehrere Parteien, dann – so meine ich – wäre die US-Demokratie weit weniger angreifbar, weil sich eben viel mehr mehrheitsfähige Koalitionen bilden könnten.

Die acht Jahre in Weißen Haus, so ist nachzulesen, waren eine Zeit der Abschottung nach außen, mit nur gelegentlichen „Ausbrüchen in die Freiheit“. Die Familie lebte stets mit der Bedrohung von Anschlägen, was besonders für die beiden Töchter Malia und Sasha ein normales Teenagerleben nahezu unmöglich machte. Liest man das alles, dann wird klar, ganz unabhängig davon, dass ein US-Präsident nur maximal acht Jahre lang im Amt bleiben kann, dass man es mit dieser Dauerbelastung auch menschlich nur kaum länger als diese acht Jahre aushalten kann. Vor allem dann, wenn man dunkle Hautfarbe hat, was die Rassisten noch mehr aufstachelt.

Amüsant ist es beispielsweise darüber zu lesen, wenn die Obamas während der Präsidentschaft einmal ausgehen wollten; einfach als Ehepaar in ein Restaurant und dann ins Theater. Wie man sich denken kann, ist das keine ganz leichte Übung und so richtig privat geht es dann auch nicht zu. Dabei hätte ich mir nicht gedacht, dass bei all den Sicherheitsvorkehrungen so etwas überhaupt möglich wäre.

Insgesamt – und wieder bin ich beim Vergleich beider Biografien – ist „Becoming“ zugleich sehr ähnlich und doch ganz anders als „Ein verheißenes Land„.

Die für mich bedeutendste Unterscheidung ist, dass hier ein Mensch aus seinem Leben erzählt, der ab einem bestimmten Punkte beschlossen hat, die eigenen Ambitionen zugunsten der Ambitionen des Partners teilweise zurückzustellen. Baracks Lebenslauf hingegen scheint wie auf einer gerade Linie in die Präsidentschaft geführt zu haben.

Zusammengeführt sind beide Bücher, weil beide von außergewöhnlichen Persönlichkeiten geschaffen wurden und über diese berichten – man möchte angesichts der weltweiten Entwicklungen der Jahre nach der Obama-Präsidentschaft von den letzten ihrer Art und von der guten, alten Zeit reden.

Und überhaupt: wie oft liest man die Biografien eines Ehepaares, bei dem beide ihre Fußabdrücke in der Welt hinterlassen haben?

Michelle Obamas Biografie ist vieles zugleich: politisch, persönlich, berührend, informativ und dokumentarisch. Ein wichtiges Zeitdokument!




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