Christopher Clark: Gefangene der Zeit
Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump

verfasst am 29.11.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Clark, Christopher, Geschichte
LiteraturBlog Bewertung:

Dieses Buch ist ganz unzweifelhaft ein Kind des Jahres 2020. Das „Annus Horibilis“ des noch jungen 21. Jahrhunderts mit seinen vielfältigen Schockwellen, die über die Menschheit hinweg fegten und noch immer fegen.

Ein Jahr, das Höhepunkte in den politischen Untaten von Rechtspopulisten brachte und die Pandemie, die unser tägliches Leben völlig umkrempelte. Ein Jahr, das an seinem Ende noch mehr offene Fragen und zu lösende Probleme übrig lässt, als es zu seinem Beginn übernahm.

Wir leben in einer Zeit, in der wir durch Quarantänemaßnahmen zu einer veränderten Lebensweise gezwungen sind – damit kann man auf unterschiedliche Weise umgehen. Da gibt es jene, die ihr Leben durch das simple Tragen einer Gesichtsmaske fürchterlich bedroht sehen und dummem Verschwörungs-Unsinn nachhängen. Oder jene, die die Zeit nützen um ihre Gedanken sammeln und aus dem Vergangenen und dem Gegenwärtigen neue Perspektiven für das Kommende entwerfen.

Christopher Clark, den ich als Erzähler der Geschichte sehr schätze, hat diese Zeit des Rückzuges genützt, um seine Notizen und Aufzeichnungen zu durchforsten; und er fand darin Vorträge und Schriften, die direkt oder indirekt, jedenfalls aber meistens sehr deutlich, Bezüge zur aktuell durchaus kritischen Lage der Menschheit haben. Der Bogen der Betrachtungen spannt sich über zweieinhalb Jahrtausende, eben von Nebukadnezar II, der rund fünfhundert Jahre vor unsere Zeitrechnung starb, bis ins Jahr 2020.

Es sind immer wiederkehrende Konfrontationen zwischen Herrschern und Beherrschten, in ewig anhaltender Auseinandersetzung zwischen denen, die sich jeder Veränderung entgegenstemmen und jenen, die sich dem Fortschritt verschrieben haben.

Die Verhältnisse waren damals und in den Jahren dazwischen natürlich nicht konstant. Von der Verbrennung von Hexen, Ketzern und missliebigen Untertanen sind wir heute erfreulicherweise weit entfernt. Im Laufe der Zeit hat sich auch der Fortschritt gegen die beharrenden Kräfte durchgesetzt – dass das nicht immer zu positiven Veränderungen führt, wissen wir aber ebenso. Es hat sich vieles verändert, doch vieles ist auch konstant geblieben und die Hexenverbrennungen wurden allzu oft durch neuzeitlichen Irrsinn ersetzt. Verzerrte Feindbilder und der Glaube an obskure Mächte gehören damals wie heute zur wirren Geisteswelt viel zu vieler Menschen.

Sichtbar wird in den Texten eine laufende Weiterentwicklung der Macht und der Instrumente der Macht. Neben der Politik bedienen sich u.a. auch Militär und Religion und weitere Gruppierungen jener über Jahrhunderte hinweg immer weiter verfeinerten Methoden, mit Hilfe von Konflikten und Gegensätzen Einfluss zu erlangen und abzusichern.

Wenn wir heute die populistischen Ausfälle einer immer größer werdenden Zahl an Politikern beklagen, so haben wir es dabei keinesfalls mit einer gänzlich neuen Erscheinung zu tun. Solche Typen wie Trump (oder Strache bei uns, Höcke in der AFD, Le Pen in Frankreich, Bolsonaro in Brasilien, etc.) gab es früher schon udn wird es, das ist zu befürchten, auch zukünftig geben. Denn auch diesbezüglich gab es die „gute, alte Zeit“ niemals.

Da es sich aber um kein Buch mit einem definierten und fortlaufenden Inhalt handelt, ist es leicht möglich, dass einem beim Lesen bald der Kopf schwirrt und man den Faden verliert. In einem Schwung durchlesen ist also sicher keine Optionen, das Buch ist viel eher ein Fall für zwischendurch zur Hand nehmen und sich an die „Lesearbeit“ machen.

Neben dem Inhalt finde ich es interessant, den Gedankengängen Clarks zu folgen. Denn er arbeitet sich zu den Themen schrittweise hin, kreist diese quasi ein, entwickelt immer wieder Analogien und stellt Ereignisse in ihren historischen Kontext, identifiziert Verbindungen über Jahrhunderte hinweg, alles untermauert mit einer Vielzahl an Quellen. Es handelt sich um Texte, die an ein Fachpublikum gerichtet sind und ein gehöriges Maß an Basiswissen voraussetzten.

Als Nicht-Historiker wird man wahrscheinlich über einige (viele) der angeführten Ereignisse und Personen stolpern, weil man erst einmal nachforschen muss, worüber man gerade liest – mir beginnt hin und wieder der Kopf zu schwirren angesichts dieser Menge an Informationen. Clark greift meistens ganz tief hinein in das Historiker-Nähkästchen, springt vor und zurück in der Zeit, vergleicht, bewertet, analysiert und holt Dinge hervor, die (uns/mir) Laien wenig geläufig sind. „Gefangene der Zeit“ liefert damit zum Teil auch Anreize, sich weiterführend und umfassender mit den aufgeworfenen Themen zu beschäftigen. In einem Schwung durchlesen ist dementsprechende wahrscheinlich keine Optionen, das Buch ist viel eher ein Fall für zwischendurch zur Hand nehmen und sich an die „Lesearbeit“ machen.

Zusammengefasst: Dass Christopher Clark ein sehr begabter Präsentator historischer Ereignisse ist, hat er in vielen Büchern und Dokumentationen schon unter Beweis gestellt. In diesem Buch beschreibt er in typischer Weise wieder spannende und entscheidende Wendepunkte der Weltgeschichte und lässt zugleich ein Stück in seine Arbeitsweise blicken; viel mehr als die anderen Bücher, die ich von ihm gelesen habe, richtet sich dieses aber an ein Fachpublikum. Ein anspruchsvolles Buch zu anspruchsvollen Zeiten.

PS: Es muss viel Freude machen, einem solchen Vortrag Clarks LIVE zu folgen. In Zeiten wie diesen ein unerfüllbarer Wunsch, aber die Zeiten werden auch wieder besser; und zwar genau dann, wenn Trump und Corona nur noch ein verblassendes Glimmern aus der Vergangenheit sind. Trump ist schon weg und gegen Corona können wir uns hoffentlich bald schützen.




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