Christopher Clark: Von Zeit und Macht
Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten

verfasst am 22.11.2018 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Clark, Christopher, Geschichte

Nicht einfach zu lesen und nicht einfach, darüber zu schreiben: Christopher Clark definiert Geschichte in diesem Buch aus einem anderen Blickwinkel, als man es gemeinhin in Geschichtsbüchern erwartet. Vier Abschnitte aus der Geschichte Preussens/Deutschlands dienen ihm dazu als Basis für den Versuch einer zeitlichen und historischen Einordnung der jeweiligen Protagonisten und deren Handlungen.

Zuerst: es ist dies kein populärwissenschaftliches Buch sondern tatsächlich eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem gewählten Thema.

Schon der enorm umfangreiche Anhang mit hunderten Quellenangaben zeigt, dass es von Vorteil ist (wäre), schon zuvor über ein weit über das Grundlegende hinausgehende geschichtliche Wissen über diese Epochen zu verfügen. Das passt bei mir zwar zum Themenbereich Nationalsozialismus; mein Wissen über die Geschichte Preussens und der Hohenzollern ist hingegen nur sehr rudimentär (als Österreicher bin ich eben sattelfester in unserere eigenen Geschichte).

Die vier Abschnitte befassen sich mit Friedrich Wilhelm, dem Großen Kurfürsten von Brandenburg, König Friedrich II. von Preußen, Kanzler Bismarck und den Nationalsozialisten.

Unter dem Eindruck der gegenwärtigen geschichtlichen Ereignisse (Großbritannien löst sich aus dem Projekt Europa; mit Putin regiert ein Mann im Kreml, der überholt geglaubte Expansionsgelüste pflegt; die USA haben mit Trump einem Anti-Demokraten und Demagogen ins Weisse Haus gewählt, etc., etc.) blickt Clarke zurück auf vergangene Zeiträume und bettet diese ein in den Fortgang der Geschichte. Dass er dabei beispielhaft Deutschland gewählt hat, lässt sich – wie er selbst schreibt – mit seinem umfangreichen Wissen über das Land und dessen Entwicklung erklären (Ähnliche Abschnitte hat es aber wohl in vielen Weltregionen und vielen Nationen gegeben).

Worum es geht:

Wie gingen die jeweiligen Machthaber mit dem um, was ihnen von der Vergangenheit ihres Landes, ihren Vorfahren und der Gesellschaft vermacht wurde. Wie bewerteten sie dieses, nennen wir es “Vermächtnis”, wie setzten sie es für ihre eigenen Zwecke ein und wie änderten sie die historischen Entwicklungen, gaben ihnen neue Richtungen um damit wiederum ein eigenes Vermächtnis zu erschaffen; und wie beeinflussten und veränderten sie dabei nachhaltig die Machtstrukturen.

Dabei ist der Abschnitt über die NS-Zeit aus vielerlei Gründen ein dramatischer Bruch in der Zeitlinie. Wenn die Hohenzollern immer auch das Geschichtsbild vor Augen hatten und dieses – wenn auch in ganz unterschiedlicher Art und Weise – mitnahmen und fortführten, so maßten sich die Nazis an, losgelöst von der Vergangenheit, die einzig wahre Zukunft zu schaffen.

“Von Zeit und Macht” ist kein wahrlich Buch, das man einfach so nebenbei lesen kann. Ich werde wohl noch ein paar Durchgänge benötigen, um alle die Zusammenhänge und Schlussfolgerungen, die Clarke entwirft, zu durchblicken. Ob ich am Ende dann wirklich alles eingeordnet haben werde, das bleibt allerdings offen …

PS: Meine Bewertung bezieht sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf meine ganz persönliche Einschätzung der wissenschaftlichen Arbeit


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