Roberto Bolaño: Mörderische Huren

verfasst am 17.10.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Bolaño, Roberto, Kurzgeschichten

Hier ist er: der wahre Erzähler Roberto Bolaño. In diesen kurzen Geschichten zeigt sich, wie vituos, wie meisterhaft Bolaño erzählen kann. Es sind Geschichten, die weder von etwas Weltbewegendem berichten noch etwas Ausserordentliches zum Inhalt haben; sie überzeugen alleine mit Worten und Sätzen.

Es sind die Themen, dass sich durch Bolaños gesamtes Werk ziehen: Menschen, die vor den Faschisten in Chile geflohen sind; Menschen, die ziellos von einem Ort zum nächsten Reisen und dort die ungewöhnlichsten Begegnungen erleben oder sich dort einfach eine Zeit lang aufhalten; Menschen, die entwurzelt auf der Suche nach ihrem Leben sind.

Der Erzähler, Alter-Ego des Autors, ist Literat, literatur-affin, Schriftsteller – jedenfalls, so wie beinahe alle Hauptcharaktere in allen Romanen und Erzählungen Bolaños,  aus seiner eigenen Welt der Schriftstellerei entsprungen. Sie bewegen sich in einem Universum fiktiver und realer Vorgänge – wenn man nicht selbst nach-recherchiert wird es schwer fallen zu unterscheiden, welche der in der Erzählung erwähnten Personen einer realen nachempfunden ist, welche vielleicht Charakterzüge einen wirklichen Menschen trägt oder einfach nur ein erdachtes Wesen, entsprungen aus Bolaños Gedankenwelt, ist.

Die Quelle seiner Inspiration ist dabei meist in der Gruppe der exilierten chilenischen Oppositionellen, die sich (in Mexiko, in Spanien) mit Gleichgesinnten oder im Geiste Verwandten zusammen finden. Und es ist seine eigene Lebensgeschichte, die einige Ausgangspunkte für sein Schreiben liefert. Die Flucht nach Mexiko vor der Junta in Chile Anfang der 1970er und dann Mitte der 1970er seine Emigration nach Spanien.

Bolaños Erzählungen beginnen und enden oft unvermittelt. Also steigt man als Leserin in ein laufendes Geschehen ein und verlässt die Szenerie oft schon bevor es ein Ende des Geschehens oder ein Finale gibt. Bevor die Geschichte aber zu Ende ist, hat man sich auf jedem Fall von ihrem Stil, Detailreichtum und ihrer Intensität einfangen lassen. Bei anderen Schriftstellern mag man die Beschreibung so vieler nebensächlicher Details als ausschweifend oder überflüssig empfinden: in den Erzählungen in diesem Buch machen diese Details erst das Ganze aus, diese Details und Betrachtungen mussten einfach beschrieben werden und man will sie nicht missen.

Dabei sind es ganz banale Inhalte, die man liest, kaum mehr als für einen kurzen Moment bzw. für die Protagonisten relevant; und bisweilen verwendet Bolaño dazu noch eine lakonische, spartanische Sprache. Doch was sich belanglos anhört ist dann einnehmende Literatur;  genauer: ein literarischer Tanz zwischen Absurdität, Komik, Ängsten, Sehnsüchten, Pornografie und Provokation.

Diese Sammlung von 13 Erzählungen hat mich daran erinnert, wie ich beim Lesen von 2666 zum Bolaño-Verehrer wurde. Nicht alle Romane und Kurzgeschichten, die ich seither gelesen habe, konnten an Bolaños Meisterwerk heran reichen; diese Erzählungen aber können es.



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