Roberto Bolaño: Stern in der Ferne

verfasst am 13.06.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Bolaño, Roberto, Romane

1973, das Jahr der Machergreifung durch die Militärs, das Jahr, in den Allende starb, das Jahr, in dem Chile für viele Jahre hinter einem Vorhang aus Terror, Mord, Diktatur verschwand. Roberto Bolano ist ein literarischer Chronist dieser Zeit,  „Stern in der Ferne“ ist eine der Chroniken und sie beginnt in diesem Jahr.

Wie so oft in seinen Romanen  erzählt Bolano aus der Ich-Perspektive, so als wäre er selbst es gewesen, der dies erlebte. Und in gewisser Weise ist es auch immer so, denn Bolano erzählt über die Jahre, in denen seine Heimat Chile durch die Pinochet-Diktatur geknechtet wurde. Er selbst war auch, wenn auch nur für kurze Zeit, im Gefängnis gelandet, wurde dann zu einem permanenten Ankläger und Mahner aus dem Exil in Mexiko und Spanien.

Doch zurück zum Buch: Der, der sich in den folgenden Jahren Carlos Wieder nennen wird, ist ein unbekannter, viele meinen ein untalentierter, Dichter, einer, dessen Werke kaum Anhänger finden, dessen Schreibstil meist kritisiert wird, oft als unpersönlich, seltsam fremd erscheint. Einer, der von sich meint, er würde die Literatur Chiles in den kommenden Jahren revolutionieren. Einer, dessen Stern aufgeht als Pinochet und die Junta das Land unterjochen, einer der zum Mörder werden wird.

Der Erzähler lernte ihn bereits kennen, da nannte sich Carlos Wieder noch Alberto Ruiz-Tagle, zu einer Zeit als beide noch  Literatur-Studenten in der Stadt Concepcion im Süden Chiles waren. Anders war er, Wieder/Ruiz-Tagle, damals schon anders als die typischen Studenten, nicht einer dieser Linken sondern einer, der abseits davon stand, rechts davon um es genau zu sagen, aber doch gleichzeitig im Mittelpunkt des Interesses, vor allem auch der Frauen.

Das Ende der Demokratie und der Beginn der Dikatur befreien Ruiz-Tagle und lassen ihn zu Carlos Wieder werden. Er wird der kalte Mörder, der Chronist des Todes. Das jedoch erfährt der Erzähler erst viel später.

In dem Lager, in das er nach seiner Verhaftung gebracht wird, trifft er erstmals auf den ehemaligen Mit-Studenten, ohne ihn allerdings in jenem Augenblick zu erkennen. Er trifft auf nicht innerhalb der Gefängnismauern, nein, Carlos ist jener Pilot, der mit seiner Maschine ein Gedicht in den Himmel über dem Gefängnis schreibt.  Noch kennt er dessen (neuen) Namen nicht und auch nicht dessen neue Rolle, die Rolle des Carlos Wieder, der tötet um daraus die Quelle seiner Literatur zu machen und somit in schrecklicher Weise die Vorhersagen erfüllt – jene, die besagten er wäre der, der die Literatur revolutioniert, wenn es auch eine noch grausame, ja perverse Revolution ist.

Zunächst jedoch ist Carlos Wieder nur der Held des Regimes, wird er der Held Chiles. Seine in den Himmel geschriebenen Verse verhelfen ihm zu Triumphen im ganzen Land. Doch gleichzeitig bereitet er im Verborgenen die Präsentation seiner Vorstellung neuer Kunst vor, die in ihrer Grausamkeit und Perversion alles Menschliche hinter sich lassen wird.

Bolano macht aus der Zeit des Putsches und aus dem Jahren danach eine gefühlvolle und leise Erzählung. Er nimmt dieser Zeit durch seine Sprache einseits den Schrecken, verstärkt diesen aber zugleich durch eine Erzählweise, als wäre Unterdrückung, Mord, als wäre das alles das Selbstverständlichste und Normalste und durch die spätere literarische Umsetzung auch irgendwie gerechtfertigt.

Carlos Wieder ist der,  der für seine „Kunst“ alles opfert und somit auch das Leben anderer Menschen. Ein ebenso Verblendeter, wie es einst die Nazi-„Wissenschaftler“ waren, die für ihre „Wissenschaft“ so viele Menschenleben opferten, wie es ihnen gerade angemessen schien. (Nun ja, Südamerika wurde dann für viele dieser Teufel in Menschengestalt auch Zuflucht und geschützte Heimat). Im Faschismus, sei es unter Hitler, Mussolini oder eben auch unter Pinochet, können die Fanatiker und Wahnsinnigen alle Untaten begehen – solange sie dies unter den Deckmantel der Unterstützung des Regimes geschehen lassen, wird es für die Täter keine Folgen haben. (und später werden Sie davon sprechen, dass es die Umstände so verlangten, dass sie nur den Befehlen folgten, ..)

Damit schließt Bolano auch den Bogen zu der „Naziliteratur in Amerika“ einer Sammlung von erdachten Kurzportraits. Eines dieser Kurzporträts machte Bolano zu diesem Roman. Nur 175 Seiten, doch es ist alles dabei, was man von und bei Bolano erwarten kann/lesen will: fantasievolle Biografien erdachter Personen, eingewoben in eine Handlung und Erzählung, die als reine Wahrheit erscheint, aber fast nichts als reine Dichtung ist. Bei vielen seiner Werke, hier aber ganz besonders, meint man, einer Schilderung von Tatsachen zu folgen, so real, so wirklichkeitsnah erscheint alles (was beim mir zu mehrmaligen Recherchen im Interet führte, ob es denn nun diese Person, jenes Ereignis nun wirklich gab oder nicht).

Empfehlenwert und ein Muss, wenn man die einfühlsame und klare Erzählweise Bolanos liebt, ein Leseerlebnis rundum.


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