Roberto Bolaño: Der unerträgliche Gaucho

verfasst am 29.08.2010 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Bolaño, Roberto, Erzählung

Im Jahr 2003, ein Jahr vor Roberto Bolaños Tod, erschien diese Sammlung von 7 Erzählungen. So unterschiedlich sie im Inhalt sind, gemeinsam haben alle eine Art von melancholischer Grundstimmung.

Der traurige Amerikaner, der am Ende wie im Nichts verschwindet; der alte Jurist, der Buenos Aires den Rücken kehrt und in der Weite der argentinischen Pampa sein neues Leben sucht. Die Fabel vom Volk der Ratten, in dem sich viel Menschliches findet; die Geschichte von Alvaro Rousselot, der endlich den Mut findet, nach Europa zu reisen um dort heraus zu finden, wer dieser Filmregisseur ist, der so unverfroren die Bücher Rousselots als Vorlage für seine eigenen Werke nimmt.

„Literatur + Krankheit = Krankheit“:  das ist das Suchen der Krankheit, des Wortes „Krankheit“, in möglichst vielen Aspekten des realen Lebens und wie zur Bestätigung des eigenen Denkens auch in den Werken vieler Literaten. Es ist die Thematisierung von Krank-Sein in vielfältigster  Form, so als ob ein Kranker alles über das Wesen der Krankheit sammelte, alles darüber, dass am Ende des Lebens die Krankheit steht – und die Krankheit das Ende des Lebens nach sich zieht. Der Kranke ist Bolaño selbst.

Gleich danach und als Abschluß des Buches folgt „Der Cthulhu-Mythos“: der abschließende Blick des Autors auf den Zustand der spanischen Literatur.

In eine der Erzählungen fand ich mich beim besten Willen nicht hinein. Lag es daran, dass diese – „Zwei katholische Erzählungen“  – einen anderen Übersetzer (Peter Kultzen) hatte? Oder liegt es daran, wie Bolaño sie so anders geschrieben hat? Ich weiß es nicht, habe sie nicht zu Ende gelesen.

Die meisten Übersetzungen stammen von Hanna Grzimek, mit Ausnahme von „Literatur + Krankheit = Krankheit“. Ich fand einen für Bolaño sehr untypischen Stil vor, oft kurze Sätze, klare Strukturen, ja sogar eine Handlung, mitunter beinahe dokumentarisch, die kontinuierlich einer Linie folgte. Nun sind meine bisherigen Bolaño-Erfahrungen nach erst zwei Büchern (noch) nicht allzu umfangreich, aber dieser gänzlich andere Stil hat mich sehr überrascht. (Das war ja richtig einfach zu lesen – in 2666 gibt es Sätze, die länger sind als hier eine ganze Geschichte).

Zusammengefasst ein fast kurzweiliges Lesevergnügen, bei dem das Genießen der  Phantasie und der Formulierkunst  im Vordergrund stehen. Die „Helden“ der Erzählungen wandern immer entlang eines schmalen Grates, an dessen Seiten zum einen Scheitern zum anderen das schwermütige Fügen in ein unabwendbares Schicksal stehen. Das mag recht despressiv klingen, doch es schwingt immer viel mehr Melancholie als Verzweiflung mit.

Bemerkenswert ist die Vielschichtigkeit, mit der Bolaño schreibt. Von kurz, prägnant bis ausgreifend erzählend spannt er den Bogen. So etwas wie ein Überblick über sein Lebenswerk, entstanden am Ende seinen Lebens. Ein einfach zu bewältigender Einstieg in das Thema Bolaño, für alle, die zuvor noch nichts von ihm gelesen hatten.



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