Roberto Bolaño: Die Naziliteratur in Amerika

verfasst am 25.03.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Bolaño, Roberto, Kurzgeschichten

Dieses Buch ist eine Fiktion, keine Dokumentation. Auch wenn es im Stil manchmal wie eine Enzyklopädie daher kommt. Es ist eine Sammlung von erfundenen Lebensläufen von SchriftstellerInnen aus und in Süd- und Nordamerika, die eines gemeinsam haben: ihre Vorliebe für das faschistoide, das rechte Gedankengut.

Ein Buch von Bolano, in dem nicht die Sprache sondern hauptsächlich die Phantasie des Autors im Vordergrund stehen. Es entstand für mich das Bild eines Schriftstellers, der an seiner Schreibmaschine (PC, Notizblock) sitzt und dem immer wieder neue skurrile Lebensläufe einfallen, die er mit steigender Freude und Leidenschaft nieder schreibt. Als er 30 davon hat lehnt er sich zufrieden zurück und freut sich diebisch über das, was die Leser beim Lesen denken werden, darüber wie sie von immer neuen Wendungen überrascht sein werden.

Und – das ist jetzt wahrscheinlich ein Sakrileg – mehr kam bei mir auch gar nicht an. Eine Aneinanderreihung von fiktiven Lebensläufen fiktiver Personen, die allesamt eines gemeinsam haben: sie bewundern und verehren rechtes Gedankengut oder leben in ihrer faschistoiden, kleingeistigen Welt.

Nun ja, das ist manchmal recht amüsant, oftmals sukurril, meistens aber fiel mir am Ende der Geschichten (die manchmal nur 2,3 Seiten lang sind) nur ein: beeindruckend, welche Ideen man haben kann – und meine damit Bolano und seinen Erfindungs- und Einfallsreichtum. Die Geschichten lesen sich dabei fast wie reale Lebensläufe.

Gut, dass man weiss, das alles nur erfunden ist. Ansonsten müsste man erschrecken ob des breit getreuten Panoptikums  an verwirrten Geistern, die sich in diesem Buch tummeln.

Wobei der Titel „Naziliteratur“ ein wenig in die Irre führt. Denn es geht hier nicht um Sympatisanten, Kollaborateure oder Unterstützer  der Nazis im eigentlichen und direkten Sinne,  sondern um solche, die ganz allgemein im rechten, rassistischen Spektrum zu Hause sind – und Nazis sind da natürlich auch dabei.

Auf die Spitze getrieben wird dieses Vorspielen einer nicht vorhandenen Realität in einem ein äußerst umfangreichen „Quellenregister“ am Ende des Buches. Das gibt dem Ganzen einen fast wissenschaftlichen anmutenden Rahmen.

Bolano beeindruckt mit einem fast unendlich großen Fundus an Ideen. Diesmal fehlt mir allerdings die lustvoll komponierte Sprache, die alle Bücher, die ich bis jetzt von ihm gelesen hatte, zu einem einzigartigen Erlebnis machten.



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