Haruki Murakami: Von Männern, die keine Frauen haben

verfasst am 29.10.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kurzgeschichten, Murakami, Haruki

Der rote Faden zwischen diesen sieben sehr unterschiedlichen Geschichten ist das Verhältnis von Mann und Frau. Einem Verhältnis, das so oft von Unkenntnis, Fehleinschätzung und häufiger Verständnislosigkeit geprägt ist, manchmal vom Unvermögen, das Richtige zu tun, jeweils erzählt aus der Sicht des Mannes.

In „Drive my Car“ stellt sich die wohl niemals gänzlich beantwortbare Frage, was denn am Geliebten der eigenen Ehefrau für sie so anziehend gewesen sein mag; niemals wird der Betrogene den Grund verstehen können. Auch der Versuch, mit dem früheren Geliebten seiner mittlerweilse verstorbenen Frau eine Freundschaft aufzubauen, ändert für den Schauspieler Kafuku nichts daran.

In „Das eigenständige Organ“ ist Dr. Tokai vollkommen überwältigt, als er sich unsterblich verliebt.  Er ist erfolgreicher Schönheitschirurg, um die 50 Jahre alt, lebt ein sorgloses Leben und pflegt regelmäßig unverbindliche Affären mit Frauen. Mit Vorliebe sind das verheiratete Frauen, es gibt keine Verpflichtung, jederzeit kann man sich voneinander trennen. Das lange nicht mehr erlebte Gefühl der Liebe, das ihn nun so unerwartet in dieser Affäre mit der verheirateten Frau überwältigt, erschüttert sein Leben.

Scheherezade“ erzählt Geschichten. Das ist ein Ritual: zuerst bringt sie ihm die Lebensmitel, dann schläft sie mit Habara, dann erzählt sie eine Geschichte. So wie jene, als sie in ihrer Schulzeit heimlich in das Leben des von ihr so geliebten Jungen eindrang. Wer ist dieser Habara überhaupt?

Kinos Bar“ wurde Kinos Bar als er, Kino, das Lokal von seiner Tante übernahm. Unmittelbarer Auslöser dafür war Kinos Frau, die sich während dessen geschäftlich bedingter Abwesenheit häufig mit einem von Kinos Kollegen aus Kinos damaliger Firma in Kinos Schlafzimmer traf.

Die einzige Erzählung, zu der es kein Vorleben zu geben scheint, ist „Samsa in Love„. Gregor Samsas Leben beginnt genau mit der ersten Satz. Wobei der Umstand, dass Gregor Samsa zu diesem Zeitpunkt bereits ein ausgewachsener Mensch ist, noch der Aufklärung bedarf; der Umstand, dass Murakami hiefür Anleihen bei Frank Kafka nahm, reicht als Erklärung jedenfalls nicht aus.

In  der titelgebenden Geschichte „Von Männern, die keine Frauen haben“ stellt sich die Frage, ob man auch nach einer Trennung noch auf das Leben des/der anderen Einfluß nehmen kann. Oder ob sich aus Zusammenleben mit einer bestimmten Person das Schicksal der anderen zwangsläufig ergibt. Oder ob man sein Leben lang immer an die erste Liebe denken wird. Oder ob es nach der ersten Liebe noch eine weitere geben kann.

Murakami wählt immer einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben seiner „Helden“. Er erzählt von einem Moment, einem Lebensabschnitt und er entlässt uns am Ende der Geschichte mit der einzigen Gewissheit, dass das Ende der geschriebenen Geschichte nicht das Ende der Lebensgeschichte des/der Protagonisten ist. So wie es vor dem ersten Satz schon ein Leben gab,  so geht es nach dem letzten Satz ebenso weiter. Jedes Mal erzeugt Murakami eine Atmosphäre, die sich beim Lesen langsam einnistet; eine Art von Spannung, bei der man einfach nur wissen möchte, wie all dies weiter geht, ob und wie es denn zu dieser – und das ist es immer – seltsamen Situation eine Auflösung geben wird.

Murakamis Sprache, seine Sätze, seine Charaktere: in den immer rund 40 Seiten einnehmende Erzählungen scheint von allem mehr vorhanden zu sein, als es auf diesen 40 Seiten möglich wäre.  Und auch wenn sich mir nicht bei jeder Geschichte der Sinn der Handlung erschlossen hat, so bleibt immer zumindest das Lesen selbst als Erlebnis übrig.

Ingesamt: meisterhafte Erzählungen, feinfühlig, ergreifend, filigran, stets an der Grenze zwischen Illusion und Realität angesiedelt, zwischen beiden immer wieder wechselnd.

Die Stimmen, die Haruki Murakami immer wieder zu einem der aussichtsreichen Kandidaten für den Literatur-Nobelpreis ausrufen, werden nach dem Erscheinen dieses Buches mit Sicherheit lauter und vor allem noch berechtigter werden.



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