Roberto Bolaño: Telefongespräche

Bolaño erzählt: kurze, einfühlsame Geschichten aus seinem Leben, aus seiner eigenen Erinnerung, aus der Erinnerung und dem Leben anderer.

Vieles, wahrscheinlich alles, drehte sich im Leben des Roberto Bolaño um Literatur, Literaten, Schriftsteller. Es ist da nur folgerichtig, wenn sich in einem Band mit Erzählungen zuerst einmal viele finden, die sich genau darum drehen  (Dass dabei eine Vielzahl an Namen von Schriftstellern, Dichtern, Essayisten, Erzählern auftaucht, die mir rein gar nichts sagen und mir daher auch nicht klar ist, ob es die Namen wirklicher Personen sind, das habe ich als hoffentlich verzeihliche Wissenslücke hingenommen).

Anders, als es der Titel des Buches vielleicht erwarten lässt, reiht sich aber nicht ein Telefonprotokoll an das nächste, es sind Erzählungen aus dem Leben, über das Leben, über Größe im Kleinen, über das Scheitern an den eigenen Vorstellungen und „Telefongespräche“ ist nur der Titel einer von 14 Erzählungen:

Die Briefkorrespondenz mit einem Schriftsteller, dessen Ambition mit dem Verlust seines Sohnes zerbrach. Die Geschichte des Franzosen, der seine eigene Dichtkunst nicht verstand und im Schatten der Großen blieb. Das Schicksal des Dichters, der sich nicht eingestehen konnte, kein Dichter sondern nur ein Dilettant zu sein.  Der Namenlose auf der Suche nach dem Gegner, den er sich selbst geschaffen hat. Der unglücklich Verliebte, der nicht der einzige Anrufer ist. Die Begegnung mit der Schauspielerin und dem Wurm. Von Chilenen in Moskau und der Hochspringerin. Wie ein spanischer Rekrut an der Ostfront zu Künstler wurde. Zwei Frau, der Mörderung die die Hunde. Wenn sich zwei Kriminalbeamte erinnern. Die Geschichte über die Zeit mit Sofia, die zuerst da war, dann langsam verschwand und wieder kam. Über die Zeit mit Clara, ihr kurzes und zerrüttetes Leben. Die Erinnerung einer Pornodarstellerin. Das leben der Anne Moore.

Wie viele dieser Geschichten nicht über andere sondern über Bolaño selbst erzählen, das bleibt unklar. Einige der Geschiten hängen gewissermaßen in der Luft, haben keinen richtigen Anfang und kein richtiges Ende. Dann beginnt Bolano zu erzählen und endet an einem ihm genehmen Punkt, ohne darauf zu achten, ob man vielleicht noch etwas erfahren wollte.

Melancholisch, traurig aber nicht resignierend. Bolaño nimmt, direkt, oder über Umwege, Bezug auf seinen eigenen Lebensweg, der ihn fort aus seiner Heimat Chile zuerst nach Mexiko und dann nach Spanien führte. Die Unterdrückung der Menschen und Ihrer Gedankenfreiheit ist ein immer wiederkehrendes  Thema, so wie es ihm selbst in Chile unter der Diktatur der Militärjunta widerfuhr. Dieses Thema bereitet Bolaño in ganz unterschiedlichen Geschichten auf, ganz so, wie es eben auch im realen Leben ganz unterschiedliche Formen des (sich) Verlierens gab und gibt.

Dabei erzählt er aber nur, wertet nicht, sondern überlässt es der Leserin/dem Leser selbst, sich Urteile zu bilden, zu Ansichten zu kommen. Einer, dem das Schicksal bis zum Ende seines Lebens oft nicht wohl gesinnt war, verzichtet auf erhobene Zeigefinder und lässt nur teilhaben an seiner Melancholie und Traurigkeit. Er erzählt leise, mit ruhiger Stimme, interpretiert nichts, schildert nur. Wie er erzählt das ist eindringlich und spannend zugleich, man erwartet mit Ungeduld den Schluß und die Auflösung. Und am Ende bleibt man noch ein wenig sitzen, um alles noch einmal auf sich wirken zu lassen.

Erzählungen und Kurzgeschichten sind ein guter Einstieg in die Gedankenwelt des Roberto Bolaño, wenn man sich nicht gleich zu Beginn an seine großen Werke heranwagen will. „Telefongespräche“ ist einer dieser Zugänge.



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