Clemens Berger: Der Präsident

verfasst am 01.08.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Berger, Clemens, Romane

Es wäre auch der Buchtitel „Der Mann, der Ronald Reagan war“ passend, denn Jay Immer IST bis zu einem gewissen Grad Ronald Reagan – äußerlich auf jeden Fall!

Als Nachkomme von aus dem Burgenland emigrierten Österreichern trägt er den Namen Julius Imre, was es seinen Mitbürgerinnen in den USA aber fast unmöglich macht, seinen Namen korrekt auszusprechen. Es ging so weit, dass er während seiner Militärausbildung von seinen Vorgesetzten deswegen über die Maßen geschliffen wurde; bis er sich eben in „Jay Immer“ umbenannte. Das half ihm nach dem Krieg in Europa auch, als Polizist einen guten Job zu machen.

Alles läuft ruhig und in vorhersehbaren Bahnen – bis Ronald Reagan im Jahr 1980 zum 40. Präsidenten der USA gewählt wird. Jetzt wird Jays bislang nur im engen Kreis bekannte Ähnlichkeit mit Reagan zum Thema und Jay beginnt ein neues Leben: als Doppelgänger des Präsidenten.

Zunächst ist es ein reines Geschäft: Auftritte bei Veranstaltungen, Präsenz in der Werbung – sein Agent versorgt ihn mit gut bezahlten Jobs und kassiert dafür seine 20% Provision. Bis die Menschen beginnen, in Jay auch so etwas wie den verlängerten Arm, oder, auch das, die direkte Verbindung zu Reagan zu sehen. Man trägt Wünsche an ihn heran, man beschimpft ihn, je nachdem, welchem politischen Lager man sich zugehörig fühlt.

Aber in acht Jahren – Reagans Amtszeit – ändert sich manches. Immer öfter werden die strikten neoliberalen Züge und die unsozialen Maßnahmen der Regierung sichtbar und selbst Reagans sprichwörtlicher Hollywood-Charme kann das nicht mehr übertünchen. Es ist die Zeit, zu der Jay beginnt, sein bekanntes Gesicht für Benachteiligte und gegen Ungerechtigkeiten einzusetzen. Das ruft natürlich auch die Vertreter der Regierung auf den Plan, die den Doppelgänger viel lieber schweigend, denn als den in den Augen von immer mehr Menschen „menschlicheren“ Reagan gesehen hätten.

Man muss sich dazu die US-Politik und die Lage der Welt in den 1980ern in Erinnerung rufen: darunter die Iran-Contra Affäre und Nicaragua, das Teheraner Geiseldrama, der Neoliberalismus mit seinem absoluten Glauben an Deregulierung und die Selbstbestimmung der Unternehmen (samt dem Märchen vom „Trickle-Down Effekt“), der Aufstieg Gorbatschows zum politischen Star des Planeten (jedenfalls außerhalb der Sowjetunion), die Explosion der Staatschulden der USA, SDI (Reagans „Star Wars“), der Fall der Berliner Mauer.  Und inmitten all dieser Umwälzungen ein stets charmant auftretender, witzelnder US-Präsident, der Politik zwar vorrangig für eine Minderheit (die Reichsten) machte, aber trotzdem von der Mehrheit beinahe frenetisch unterstützt wurde. Reagan ist nicht ohne Grund bis heute eine Ikone der Republikaner, hat er doch vieles erst in Gang gesetzt, was deren Politik noch heute bestimmt.

Eine Geschichte voller Lebensmut und Leichtigkeit: das ist die Geschichte von Jay Immer. Wenn Jay Witze erzählt, die ihm oft zur jeweiligen Situation einfallen, dann kann man mitlachen – viele dieser Witze sind wirklich sehr, sehr lustig und an einige kann ich mich gut erinnern – sie wurden in den 1980ern gerne erzählt :-). Es ist überhaupt ein bemerkenswerter Aspekt dieses Romanes, dass man beim Lesen an die 1980er erinnert wird und viele der damaligen Ereignisse lebendig werden; jedenfalls, wenn man die Zeit selbst miterlebte.

Es sind witzige, aufregende, überraschende und berührende Szenen, die im Buch zu lesen sind. Man wird Jay Immer mögen, er ist ein durch und durch sympathischer und liebenswerter Held.

Seine wirkliche Aufgabe findet er, als er sich vom „echten“ Präsidenten und dessen ultrakonservativen Ansichten emanzipiert und als der „bessere“ Reagan seine Stimme zu den wichtigen Themen wie Klima und Menschlichkeit erhebt. In diesen Szenen wird klar, wie sehr die meisten Politiker tatsächlich nur Interessenpolitik für eine kleine Gruppe betreiben (eben jene der großen Spender), während sie in ihren öffentlichen Reden und offiziellen Programmen so ganz anders klingen; als ob sie ernsthaft vor hätten, Politik für den Planeten, die Menschen und die Zukunft zu machen.

Berührend wird es gegen Ende, als der älter werdende Jay den neuen Entwicklungen des neuen Jahrtausends nur noch schwer folgen kann – es ist nicht mehr seine Ära.

PS: Den Doppelgänger gab es wirklich, der im Roman erzählte Lebenslauf basiert auf dessen Leben, wenn sich die Erzählung gelegentlich auch weit von dem entfernt, was wirklich geschah: burgenland.orf.at



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