Antony Beevor: Arnheim
Der Kampf um die Brücken über den Rhein 1944

verfasst am 21.09.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Beevor, Antony, Geschichte

Diese Chronik der Schlacht um die Brücken von Nimwegen und Arnheim im September 1944 stützt sich im Wesentlichen auf zwei Säulen: die militärisch/politische mit den Hintergründen und 2den Planungen; und auf die biografische, die den detaillierten Fortgang der Kämpfe aus Tagebüchern und Notizen der Beteiligten beschreibt. Das macht „Arnheim“ zu einem Geschichtsbuch, das sich über die reinen Fakten hinaus erhebt und seine wirkliche Stärke aus der Erzählung aus Sicht der involvierten Menschen bezieht.

Nach dem D-Day, der Landung in der Normandie am 6. Juli 1944, dauerte es noch 10 Monate bis zur Kapitulation Nazi-Deutschlands. 10 Monate Krieg und Millionen von Toten.

Die Geschichte der Schlacht um Nimwegen und Arnheim im September 1944, vor genau 75 Jahren, zeugt von Überheblichkeit und Fehleinschätzungen in Teilen der Stäbe bei den Alliierten und von Fanatismus, Resignation und von überraschend starker Gegenwehr auf der Seite der Deutschen. Es ist auch die Geschichte des wahrscheinlich bedeutendesten Rückschlages auf dem Vormarsch der Amerikaner, Briten, Franzosen und Polen nach Deutschland und ein letzter „Erfolg“ der deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS. Eine Aktion, die helfen sollte, den Krieg zu verkürzen, kostete fast 18.000 Soldaten auf alliierter Seite, rund 8.000 Soldaten auf deutscher Seite und unzähligen Zivilisten das Leben. Städte in den Niederlanden, die bislang den Krieg einigermaßen unbeschadet überstanden hatten, wurden zum umkämpften Kriegsschauplatz und in Schutt und Asche gelegt. Das Ziel wurde aber nicht erreicht.

Die nach 1945 geborenen Generationen in Mitteleuropa haben schlicht und einfach keine Vorstellung davon was es bedeutet, mitten im Krieg zu sein. Weder als Soldaten an einer fernen Front, noch im eigenen Heim, gefangen zwischen einander bis aufs Blut bekämpfenden Feinden und bedroht von Granaten und Bomben. Zwar können uns Bücher wie dieses nur sehr bedingt Eindrücke davon vermitteln, aber so wie Beevor schreibt, lässt sich ein gehöriger Teil des Grauens erahnen, das die Beteiligten an einem Krieg und die Opfer eines Krieges umfasst. Mit Zitaten aus Kriegstagebüchern und Berichten von Zeitzeugen (aus Militär und Zivilbevölkerung) rollt er die Chronologie der Ereignisse sehr detailreich aus. Es ist eine Chronologie des Todes und der Zerstörung.

Antony Beevor geht mit Feldmarschall Bernard Montgomery und einigen hochrangigen britischen Offizieren hart ins Gericht; wie sie einen Angriff planten, ohne auf kritische und ortskundige Stimmen einzugehen. Der Angriff auf die Brücken über Maas und Niederrhein scheint ein Prestigeprojekt Montgomerys gewesen zu sein, der es niemals überwinden konnte, dass nicht er sondern der US-Amerikaner Dwight D. Eisenhower den Oberbefehl über die alliierten Truppen innenhatte. Es kam zum größten Luftlandeunternehmen, das zu einer der größten und verlustreichsten Niederlage der Briten und Amerikaner in Europa während des 2. Weltkrieges wurde. Die mit der Planung und Durchführung der Aktion betrauten britischen Offiziere erwiesen sich gleichfalls als von der Aufgabe überfordert – was zu Fehlentscheidungen und zu vermeidbaren, entsetzlich hohen Verlusten an Menschenleben führte.

Der Kardinalfehler war, die noch immer vorhandene Stärke der deutschen Streitkräfte und deren rasche Reaktionsfähigkeit dramatisch zu unterschätzen. Die Operation „Market Garden“, wie der Plan zur Einnahme der Brücke von Arnheim bezeichnet wurde, verzögerte sich dadurch so weit, dass geplante Verstärkungen nicht rechtzeitig bei den vorgeschobenen Truppen eintrafen und der Angriff in einem blutigen Fiasko enden musste.

Über diese militärische Perspektive hinaus ist auch zu lesen, wie sehr die Bevölkerung unter dieser Eskalation zu leiden hatte. „Market Garden“ war für die Deutschen auch der Anlass, die Repressalien gegenüber der Zivilbevölkerung der Niederlande weiter zu erhöhen – die Folge waren Exekutionen, Vertreibungen und Hunger.

Auch wenn es in diesen Zusammenhang vielleicht etwas weit hergeholt erscheinen mag, Analogien zur Gegenwart zu ziehen: das Sterben in Arnheim, das millionenfache Sterben im 2. Weltkrieg, war das Ergebnis von Nationalismus und Rassismus, die von Nazi-Deutschland ausgingen und – das ist unbestreitbare Tatsache – von den Österreicherinnen und Österreichern teils enthusiastisch unterstützt wurde. „Arnheim“ zeigt uns, was als schlimmste Konsequenz daraus entstehten kann, wenn man solchen rechtsextremen Strömungen nicht rechtzeitig und konsequent entgegen tritt.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das nicht nur über die eigentlichen Ereignisse, sondern auf Basis einer ungeheuren Menge an Daten auch über die Hintergründe und Folgen ein ebenso dramatisches wie klares Bild zeichnet.

Antony Beevor gibt in seiner schonungslosen Darstellung der Details ein klares Statement ab: gegen jede Form von Krieg als Werkzeug zur „Lösung“ von Konflikten.



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