Ingrid Carlberg: Marionetten
Eine kurze Geschichte der politischen Propaganda von der Oktoberrevolution bis heute
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Buchbesprechung verfasst von: Gertie
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»Propaganda wirkt nur, solange sie nicht als solche entlarvt wird.«
Die schwedische Journalistin Ingrid Carlberg bekommt es in ihrem Beruf sehr häufig mit Lügen und Halbwahrheiten zu tun, als politische Propaganda sowie Desinformationskampagnen verwendet werden und die zahlreiche Politiker wie Marionetten von gefinkelten Strippenziehern wirken lassen. Was liegt daher näher, sich mit dem historischen Ursprung von Fake News zu beschäftigen?
Gleich vorweg, die Autorin startet ihre Reise in die politische Propaganda mitten im Ersten Weltkrieg, der gleich drei Monarchien ein Ende bereitet, obwohl Propaganda viel älter ist.
Im Mittelpunkt dieses Buches steht ein Mann, dessen Namen die meisten Leserinnen und Leser noch nicht kennen: Willi Münzenberg (1889-1940). Münzenberg, Sohn eines Gastwirtes in Erfurt, ist Sozialist, der in der Schweiz Lenin kennenlernt und sich für die Ideen der russischen Oktoberrevolution begeistert. Wenig später schließt er sich dem Spartakusbund an und gründet 1919 die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und errichtet während der Weimarer Republik ein Medienimperium, das vom Gold des ehemaligen Zarenreiches finanziert wird. Hier nimmt uns Ingrid Carlberg auf die verschlungenen Wege, die das zaristische Gold genommen hat, um die Weltrevolution auszulösen, mit. Dabei deckt sie auch die Rolle Schwedens auf, das Goldbarren mit dem zaristischen Adler einschmilzt mit einer neutralen Signatur versieht und über zahlreiche Kanäle nach Deutschland und (natürlich auch) in die Schweiz bringen lässt.
Obwohl Münzenberg nur wenig Schulbildung hat, verfügt über ein großes Talent für meinungsbildende Statements, die für zahlreiche Machthaber wie Lenin und Stalin nützlich sind. Er schafft es, die oft hölzern und wenig mitreißende Sprache der Bolschewiki in eine damals zeitgemäße Sprache zu übersetzen und die Intellektuellen (vor allem in Europa) für den Kommunismus zu gewinnen. Das schützt ihn in seinen späten Jahren nicht, von Stalin und seinen Schergen verfolgt zu werden. Er gilt als Gegner der Nationalsozialisten, fördert aber ein nicht minder brutales Regime. Über seinen Tod im Jahr 1940 wird auch heute noch immer wieder spekuliert. Mord oder Selbstmord? Wenn Mord, wer und in wessen Auftrag? Feinde hat Willi Münzenberg genug. Denn er gilt sowohl im Westen als auch im Osten als Unperson. Im Westen, weil er bis zu seinem Tod ein revolutionärer Sozialist gewesen ist und im Osten, weil er Stalin offen kritisiert hat.
Bei ihren Recherchen steigt Ingrid Carlberg tief in zahlreiche bislang wenig beachtete Archive ein und fördert historische Zahlen, Daten und Fakten zu Tage. Gleichzeitig wirft sie aufschlussreiche Blicke auf die Gegenwart, die zahlreiche Parallelen zu Münzenberg aufweisen. So berichtet sie gleich im ersten Abschnitt über einen französischen Influencer, der 2021 in seinem Podcast einen Videoclip mit gefälschtem Inhalt unter seinen Followern verbreiten soll. Dieser Influencer ist allerdings nicht der einzige, der gegen Bezahlung, Fake New abgeben und die Menschen verunsichern soll. In Zeiten von sozialen Netzwerken erreichen Nachrichten (egal ob echt oder falsch) ihre Empfänger in Sekundenschnelle und haben einen Multiplikator, bei dem einem schwindlig wird. Hier eröffnet sich wieder jene Frage, die schon zu Münzenbergs Zeiten von Hjalmar Branting gestellt worden ist:
„Und man fragt sich manchmal, wer das alles bezahlt.“
Die Antwort darauf ist vielschichtig. Zum einen Medienimperien, die dem jeweiligen Agitator nahe stehen, Firmen, die sich Gewinne versprechen, wenn sie den entsprechenden Politiker unterstützen und zum anderen bezahlen jene, die eine andere Meinung haben oder die Machenschaften aufdecken, mit Verleumdung, Verfolgung und mitunter mit ihrem Leben.
Dieses Sachbuch von Ingrid Carlberg ist aufschlussreich, zeigt es doch, dass sich Politiker aller Zeiten der politischen Propaganda bedienen. Selbst die Ziele ähneln einander: Gewinn von Macht und Einfluss. Dass damit auch pekuniäre Vorteile für den einzelnen Strippenzieher einhergehen, ist ein offenes Geheimnis.
Willi Münzenbergs Methoden der politischen Propaganda werden nach wie vor kopiert und angewendet, um Desinformation zu großflächig zu verbreiten. Statt Flugzettel nun Podcast und Videoclips. Kaum jemand kann sich der Propaganda entziehen, auch wenn sie gerne als „PR-Maßnahme“ oder „Marketing“ verkauft wird. Erst kürzlich abgehaltene Wahlen in mehreren westlichen Staaten zeigen deutlich, dass auch Demokratien nicht von Propagandisten verschont werden.
Doch wir sind denen, die Politiker wie Marionetten am Gängelband führen nicht hilflos ausgesetzt. Fundiertes Wissen über die Mechanismen der Propaganda hilft, denn
»Propaganda wirkt nur, solange sie nicht als solche entlarvt wird.«
Fazit:
Wer sich mit Propaganda einst und jetzt beschäftigt, ist hier richtig. Ich habe dieses aufschlussreiche Buch sehr gerne gelesen und gebe ihm 5 Sterne sowie eine Leseempfehlung.