Ilija Trojanow : Doppelte Spur

verfasst am 18.09.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Trojanow, Ilija

Am Anfang, zwischendurch und auch noch an Ende des Buches wird man sich fragen, was von alledem Fiktion und was Realität ist. Oder anders gefragt: ist das ein Roman oder ein Enthüllungsbuch? Fakten, die man bequem nachrecherchieren kann, vermischen sich mit Falschmeldungen. Also muss man sich der Sache wohl Schritt für Schritt nähern …

Es beginnt mit Informationen, die dem Journalisten Ilija zugespielt werden. Ein Whistleblower versorgt ihn mit Dokumenten zu einem Vorfall aus dem Jahr 1989. Einige Manager des Taj Mahal Casinos in Atlantic City starben bei einem Hubschrauberabsturz, die Umstände blieben trotz Untersuchung durch das FBI unklar. Das Hotel wurde in den folgenden Jahren laufend mit Fällen von Geldwäsche in Verbindung gebracht und zu Strafzahlungen verurteilt; außerdem wurde es zu einem beliebten Treffpunkt russischer Oligarchen. So weit, so unspektakulär (ja, so weit sind wir, dass wir sowieso damit rechnen, das solche Dinge geschehen). Was den Fall aus der Masse heraus hebt, das ist der Name des damaligen Eigentümers des Casinos: Donald Trump (im Buch „Schiefer Trum“ genannt).

(Übrigens: mit dem Taj Mahal und zwei weiteren Casinos in Atlantic City ging Trump im Jahr 2014 in den Konkurs)

Zufall oder Absicht? Innerhalb weniger Minuten nimmt auch noch eine zweite Stelle Kontakt mit Ilija auf. Diesmal scheint es sich um Informationen aus Russland zu handeln. Ist das noch ein Whistleblower oder eine Rauchbombe?

Aus dieser zweiten Quelle erhält Ilija Unterlagen, die aus den 1980ern stammen. Als ein amerikanischer Unternehmer vom KGB gezielt angesprochen wurde und sich ohne großen Widerstand nach Moskau einladen ließ. Name des Unternehmers: Schiefer Turm.

Ausgehend von diesen Fakten entwickelt Trojanow die Geschichte zuerst eines, dann dreier Investigativ-JournalistInnen, die über Unmengen von Dokumenten aus unterschiedlichen Quellen doch immer wieder zu denselben Ausgangspunkten kommen.

Der Text macht auf mich abschnittsweise einen zerrissenen Eindruck. Ist es eine stilistische Umsetzung des unüberschaubaren Dickichts an Informationen, die oftmals in ganz unterschiedliche Richtungen verweisen, so ist das gut gelungen. Diese Form macht es jedenfalls immer wieder bewusst, dass „Doppelte Spur“ kein Enthüllungsbuch im engeren Sinne ist, sondern – und jetzt wird es noch verwirrender – zugleich mehr und weniger ein dystopischer Roman; für den Fall, dass das alles doch nur erfunden wäre …

Wenn Ilija Trojanow die Lücken in belegbaren Fakten mit einer möglichen Wahrheit auffüllt, dann zeigt er damit, wie einfach es doch ist, ganze neue Wahrheiten zu konstruieren, die beinahe unwiderlegbar sind. Was also davon ist wirklich real und was ist reine Fiktion. In Trojanow Buch verschwinden die Grenzen.

So wirft er Namen von Weinstein bis Kushner mit ins Spiel, berichtet über Personen, die sich bemerkenswert genau an reale Vorbilder halten und öffnet damit allen möglichen Spekulationen Tür und Tor.

Aus den vielen Hinweisen, dass Trump vom Kreml unterstützt wird, macht Trojanow ein Buch, das scheinbar schlüssig alle die Fäden aufzeigt, die im Laufe der letzten Jahrzehnte zwischen Trump und den russischen Geheimdiensten gesponnen wurden. Er geht dabei so weit, dass zwar gerade noch nichts bewiesen werden kann, es aber für das letzte verbleibende Stück der Beweiskette praktisch keinen anderen Schluss gibt als den, dass ein US-Präsident wie eine Marionette den Interessen Russlands dient (und natürlich seinen eigenen Interessen).

Aber es ist wahr?

Trojanow weist mit seinem Buch zwei Dinge nach:

  • Zum einen, wie einfach es doch ist, mit ein paar Fakten eine ganze fingierte Realität zu erschaffen. In den Social Media Kanälen liest und hört man solches andauernd. Es ist schwer aus allen diesen falschen Nachrichten die richtigen herauszufiltern.
  • Zum anderen zeigt er, wie ähnlich die politischen und wirtschaftlichen Systeme der USA und Russlands einander doch sind. Hier wie dort hat die Politik eine kleine Gruppe von Oligarchen entstehen lassen, die nun mit viel Geld massiven Einfluss auf die Politik nehmen. Und nimmt man die Lage seit dem Jahr 2016, so ist in beiden Ländern einer an der Macht, der selbst viel Geld besitzt (oder, wie Trump, viele Schulden) und versucht, das Land für eigene Interessen zu nutzen. Nur hat Russland  einen Präsidenten, der das schon viele Jahre länger betreibt als sein Gegenüber im Weißen Haus. Profi gegen Amateur.

Beides macht dies zu einem bemerkenswerten Buch. Auch wenn – oder gerade weil – es immer unklar bleibt, ob man über brisante Enthüllungen liest, ob die Whistleblower vielleicht doch nur Trolle sind, die auf diesem Weg ihre „alternativen Fakten“ in die Welt bringen wollen.

PS: Sollte die US-Präsidentenwahl im kommenden November das Ergebnis bringen, das die zivilisierte Welt erhofft und Trump abgewählt werden, dann würde sich für die US-Behörden eine sehr einfache und kostengünstige Vorgangsweise anbieten. Sobald Trump im Trump Tower in New York angekommen ist (und mit ihm seine ganze Familie samt Schwiegersohn), einfach die Türen abschließen und sicherheitshalber noch eine Mauer ums Gebäude ziehen. Man würde sich die Baukosten für ein Gefängnis sparen und hätte überdies das Who-is-who der Mafia, Geldwäscher und Finanzbetrüger aus aller Welt gleich mit eingesperrt. Die denn die haben sich überraschenderweise in großer Zahl im Trump-Tower angesiedelt.

PPS: erschütternd, wenn man es einem amtierenden US-Präsidenten zutraut, dass alles das, was über ihn in diesem Buch steht, tatsächlich wahr sein könnte. Wahrhaft ein Tiefpunkt der an Tiefpunkten nicht armen Geschichte der Vereinigten Staaten.



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