Christian Klinger: Die Liebenden von der Piazza Oberdan

Diese 26 Jahre von 1916 bis 1945 sind ein kurzer Zeitraum, der jedoch gleich mehrere Zeitalter umfasste, in denen ganze Generationen kamen und vergingen. Es sind drei Generationen der Familie Robusti, die im Zentrum der Ereignisse stehen. 26 Jahre, die schicksalhaft für die Familie sind.

Am Anfang steht Giuseppe Robusti, der als Beamter im Triestiner Lloyd ein treuer Untertan des Habsburger-Kaisers in Wien ist. Mit dem Ausbruch der ersten Weltkrieges geht aber ein Bruch auch durch seine eigene Familie. Sein Sohn Vittorio schlägt sich auf die Seite der Italiener und kämpft gegen die Truppen Österreich-Ungarns, während der Vater in den Diensten der Habsburger verbleibt. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist für alle Zeiten zerrüttet, sie werden nie wieder miteinander sprechen.

Seinen Einsatz für seine Ideale und seinen Enthusiasmus bezahlt Vittorio beinahe mit dem Leben, nur mit der Hilfe eines Kameraden und mit viel Glück entgeht er dem Tod an der Front. Es ist der 16. August 1916, an dem Vittorio gerettet wird – mit seinem Retter Jacopo wird ihn noch viele Jahre lang ein schicksalhaftes Band verbinden. Zunächst jedoch verlieren die beiden einander aus den Augen: durch seine Verletzung ist Vittorio für den weiteren Kriegseinsatz nicht mehr geeignet. Er geht, während die meisten seiner Altergenossen an den Fronten kämpfen und sterben, zurück an die Universität in Padua um Jurist zu werden.

Wie viele andere Staaten, so war auch das neu geformte Italien nach dem Ende des 1. Weltkrieges ein Land, das anstatt Frieden zu finden, von Extremisten und Fanatikern vereinnahmt wurde. Zurück in Triest, das nach vielen Jahrhunderten der Habsburgerherrschaft wieder zu einer italienischen Stadt geworden war, versucht der junge Jurist Vittorio Robusti sich trotz aller Einflüsse seine moralische und politische Unabhängigkeit zu erhalten. Während die Faschisten zuerst die Straßen und dann die ganze Republik beherrschen, wird Vittorio immer öfter zu einer Anlaufstelle für Verfolgte.

Sein Leben scheint vollends eine positive Wendung zu nehmen, als er mit Elise die Frau heiratet, die er liebt und als aus dieser Verbindung ihr Sohn Giuseppe „Pino“ entspringt; ein Nachkomme, mit dem er nach seiner Kriegsverletzung eigentlich nicht mehr rechnen konnte, hatten ihm die Ärzte doch eröffnet, er würde keine Kinder mehr zeugen können.

In seinem ersten im Picus-Verlag erschienen Roman geht Christian Klinger neue literarische Wege. Nach Kriminalromanen (Marco Martin, Alfons Seidenbast) und Krimi-Kurzgeschichten, die er bisher vor allem veröffentlichte, ist es nun ein historischer Roman, in dessen Zentrum Klingers zweite Wahlheimat Triest steht. Eine Stadt, die viele Jahrhunderte lang das Tor der Habsburgermonarchie zu den Weltmeeren war und in der auch heute noch viel von dieser Zeit zu erspüren ist. Bedingt durch seine geografische Lage war Triest nach dem Ende des Krieges der Brennpunkt nationaler Interessen, hier konnte der Faschismus einen guten Nährboden bei jenen finden, die alles Nicht-Italienische entfernt sehen wollten.

Das ist der Hintergrund, vor dem der Roman die Familiengeschichte der Robusti erzählt. In Zeitsprüngen vor und zurück ist zu lesen, wie die Lebenswege von Großvater, Vater und Sohn in diesen verstörenden und gewalttätigen Zeiten durch all diese Veränderungen führen. Jeder der drei trägt seine eigenen Kämpfe aus, jeder der drei sieht sich unterschiedlichen Herausforderungen gegenüber. Während sich die Spur des Großvaters nach dem ersten Weltkrieg verliert, muss Vittorio miterleben, wie das Ende des Krieges erst den Beginn neuer Gewalt bedeutet, als Mussolini und seine Faschisten an die Macht kommen. Vittorio wird zu einer Anlaufstelle für Verfolgte, er ist der Anwalt, an den sich alle die wenden können, die, von den Faschisten und Rassisten verfolgt, um ihr Leben fürchten müssen. Mit der Unterstützung dieser Menschen bewegt sich aber auch Vittorio stets an der Grenze zur Gefährung seiner eigenen Sicherheit.

Sein Sohn Giuseppe „Pino“ wächst schon in einer Zeit auf, in der die Faschisten unangreifbar erscheinen und in der die Großmachtphantasien Mussolinis das Land in eine neue Katastrophe, den 2. Weltkrieg, stürzen.

Als nach Mussolinis Sturz die Deutschen, die vormaligen Verbündeten, über Nacht zu Besatzern werden, rollte eine neue Welle von Tod und Unterdrückung über das Land.

Die historische Quelle

Der reale Ausgangspunkt der Familiengeschichte sind zwei Briefe des Giuseppe „Pino“ Robusti, die dieser gegen Ende des 2. Weltkrieges, im April 1945, an seine Eltern und an seine Freudin Laura schrieb.

Ausgehend von diesen beiden gleichsam bestürzenden und berührenden Schriftstücken, ersinnt Christian Klinger Schicksale, wie sie sich genau so entwickelt haben könnten, erzählt er, wie sich die Menschen in diesen Zeiten zwischen Anpassung, Duldung oder Widerstand entscheiden mussten, wie sich immer wieder einige Wenige anmaßten, über das Schicksal Vieler zu bestimmen und wie das Leben eines Einzelnen wenig Wert hatte.

Für mich ist dieser erste historische Roman Klingers eine der positiven Überraschungen des Literaturjahres 2020. Ein Genrewechsel, der überaus gut gelungen ist, vor allem, weil der Roman es ganz großartig vermag, gleichermaßen die Gefühle der Menschen und die Lebensumstände der Zeit greifbar und mit Bezug zur Realität zu erzählen.

In einer Mischung aus bewegenden Liebesgeschichten und der Verknüpfung von Lebensabschnitten der Robustis mit historischen Ereignissen, macht Christian Klinger vieles von der damaligen Atmosphäre zwischen Angst und Hoffnung begreifbar.

Ein Nachsatz: Während die Menschen – und mit ihnen die Familie Robusti – sich in diesen grausamen Zeiten oft nur von einem Tag zum nächsten durchschlugen, überlebte die alte Stadt Triest, wenn auch mit einigen von Krieg und  Verwüstung geschlagenen Wunden, das alles. Sie ist heute ein Symbol dafür, dass sich aus allen diese Konflikten, die Europa früher beherrschten, eine lebendige und friedliche Gemeinsamkeit entwickeln kann.



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