Buchbesprechung/Rezension:

Antonio Scurati: M. Der Mann der Vorsehung


verfasst am 03.10.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Biographie, Scurati, Antonio
LiteraturBlog Bewertung:

Der zweite Band der Romanbiografie über Benito Mussolini und die Geschichte des Faschismus in Italien fügt sich nahtlos an den ersten an. Die Struktur, der Stil, die telegrammartige Auflistung von Dokumenten, Zeitungsausschnitten und Meldungen; man liest einfach weiter und obwohl seit dem Lesen von Band 1 mehr als ein Jahr vergangen ist, ist die Wucht der Erzählung sofort wieder präsent.

Das Jahr 1925: Mussolini ist das leuchtende Vorbild für einen anderen Jahrhundertverbrecher: Adolf Hitler, der in diesem Jahr von der Machtfülle des Duce nur träumen kann. Mussolini währenddessen posiert vor riesigen Menschenmassen, reckt das Kinn angeberisch vor und wird bejubelt wie der Messias. Massenhysterie überzieht Italien, die bald auch Italien, so wie es im 20. Jahrhundert durch Massenhysterie und Verherrlichung eines Verbrechers an der Staatsspitze auch in vielen andere Länder geschieht, in den Abgrund reißt.

Jetzt ist Mussolini Italien und Italien ist Mussolini, ein Sonnenkönig residiert in Rom. Die Opposition wird ausgeschaltet, ermordet, eingesperrt, freie Meinung wird verboten. Und doch erreicht Mussolini nie eine so allgewaltige Position, wie sie Hitler später innehaben wird.

Zu Beginn des Jahres 1925 ist Mussolini krank, es steht an der Kippe, ob er überlebt (Man sollte natürlich niemandem den Tod wünschen; aber spekulieren darf man, was wäre gewesen, wenn Mussolini nicht überlebt hätte und Hitler, zwei Jahre zuvor, beim Putschversuch in München von einer Kugel getroffen worden wäre). Mussolini, man weiß es, überlebt, Hitler ebenso, die große Katastrophe muss also zwangsläufig stattfinden.

Der Faschismus in Italien ist (wie überall anders auch) ein Sammelbecken von Verbrechern, die sich voneinander nur durch die Intensität bei der Gewaltausübung unterscheiden. Mit Ende des Jahres 1925 ist die Opposition ausgeschaltet, die meisten führende Köpfe sind ermordet oder gänzlich unschädlich gemacht, die Gerichte haben die Mörder entweder freigesprochen oder mit aller Milde getadelt. Gewalt gibt es aber nicht nur gegen alle Andersdenkenden, sondern auch zwischen den Gruppierungen der Faschisten.

Zu Beginn des Jahres 1927 ist der Umbau des Staates so gut wie abgeschlossen, wer gegen die Faschisten ist, ist gegen Italien. Die Gleichschaltung ist vollständig, selbst die Partei ist entmachtet, nur noch Mussolini, seine Präfekten und Minister befehlen. Die Presse ist gleichgeschaltet und ein Jahr später wird sich auch das Parlament selbst ganz offiziell entmachten.

Band zwei der Romanbiografie Mussolinis umfasst den Zeitraum von 1925 bis 1932. Die Macht der Faschisten in Italien ist gefestigt, man denkt daran, die eigene Ideologie in andere Länder zu exportieren. Mussolini kann sich ungehindert an die völlige Durchdringung des Staates mit der faschistischen Ideologie machen, kann seinem Wahn von der Wiederauferstehung des Römischen Reiches nachhängen. In dem betrachteten Zeitraum beginnt der italienische Faschismus über die Grenzen zu blicken, denn nach dem Selbstverständnis und Größenwahn Mussolinis sind eigene Kolonien nötig, um eine zu seinem Anspruch passende Führungsrolle Italiens im Konzert der Nationen zu spielen. Zuerst Libyen: ein blutiger Eroberungskrieg, Kriegsverbrechen, Massaker, Konzentrationslager, Giftgas. Dann die Unterstützung anderer nationalistischen Bewegungen, unter anderem auf dem Balkan und in Österreich.

Das Buch ist insgesamt keine leichte Kost, denn neben der rein chronologischen Aufzeichnung der Vorgänge erlebt man beim Lesen beinahe körperlich die Brutalität, die Gewissenlosigkeit, die Unmenschlichkeit mit, die einzig und alleine das Dasein von Mussolini und der Faschisten bestimmt. Vielleicht ist es auch der Umstand, dass man so eine Sprache, so ein Verhalten, so eine Gewaltbereitschaft, wie es die Faschisten damals zeigten, gerade in den 2020er-Jahren wieder vermehrt erleben kann, der dieses Buch so bedrückend und erdrückend macht. Dieses zweite Buch beleuchtet auch, weitaus mehr als das erste, die Rolle der Helfer Mussolinis, ohne die es kein Diktator schafft, seine Macht zu sichern. Parteisekretäre, anonyme Spitzel, Verleumder, Mörder – alles versammelt sich hinter dem Duce, die Menge derjenigen, die ebenso wie ihr vergötterter Führer Schuld auf sich laden, die Verbrechen begehen, ist unüberschaubar.

Da tauchen sie auf, die Bilder des brüllenden Redners auf dem Balkon, die sich schier endlos erscheinende Masse der begeisterten und fanatisierten Menschen, das Fahnen schwenken, alles wie einer Choreografie, alles bekannt und zu oft gesehen in alten Filmaufnahmen.

Es gibt zu alledem eben noch diesen einen, aus meiner Sicht sehr bedeutsamen, Aspekt in diesem Buch: Man erkennt in den Akteuren, in der Beschreibung ihres Verhaltens und ihrer Zielsetzungen recht deutlich auch allseits bekannte Figuren unserer Gegenwart. Mussolini und sein rechtsextremer Populismus sind eben auch die Vorbilder für Leute wie Trump (der sich sogar seine selbstgefällige Mimik von Mussolini abgeschaut hat), Orban, Salvini oder Strache – diese Liste lässt sich natürlich weiter verlängern.

Der Geist Mussolinis ist also keineswegs verschwunden – heute nennt man es einfach nicht mehr Faschismus, sondern erfindet bei Bedarf friedlicher klingende Bezeichnungen und gibt sich friedlicher; die Absichten aber und die enthemmende Wirkung der aggressiven Rhetorik auf bestimmte Gruppen der Bevölkerung sind jedoch durchaus vergleichbar. Dabei ist es egal, ob sie sich Islamisten, Freiheitliche, Neofaschisten, Republikaner, Neonazis, Fides, AFD, Lega Nord oder Querdenker nennen – die Bereitschaft zur Gewalt steigt bei den Anhängern dieser Gruppen beständig und die Errungenschaften der Demokratie stehen andauernd unter Druck.

Antonio Scurati berichtet am Beispiel des Aufstiegs von Mussolini in manchmal geradezu brutaler Direktheit die Folgen, wenn ein „starker Mann“ an die Macht kommt. Eigentlich eine Pflichtlektüre für jene Leute, die sich (schon wieder/noch immer) so einen „starken Mann“ wünschen. Aber gerade die werden das Buch wohl nicht lesen.




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