Buchbesprechung/Rezension:

Antonio Scurati: M. Die letzten Tage von Europa

M.Die letzten Tage von Europa
verfasst am 01.11.2023 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Biographien, Scurati, Antonio
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Der dritte Teil von Antonio Sucratis “M” beginnt mit den Ereignissen im Mai 1938. Hitler auf Staatsbesuch bei Mussolini. Der deutsche Diktator, mit dem Ziel, Italien als Partner für die geplanten Kriege zu verpflichten, Mussolini im Caesarenwahn, der dem vermeintlichen Lehrling aus dem Norden sein großartiges, faschistische Italien vorführen möchte. Was für eine unsägliche Koalition zweier Verbrecher.

Es ist, wiewohl Mussolini das weder erkennen noch eingestehen würde, der Beginn der hündischen Gefolgschaft des Italieners hinten dem Österreicher. Obwohl der großspurige Mussolini den Plan hatte, sich aus Kriegen herauszuhalten und quasi im Windschatten der Großmächte eine Art neues Römisches Reich zu erreichten, folgt er Hitler von nun an bis in den Tod. Mussolini kann es mit seinem Selbstverständnis nicht vereinbaren, zuzugeben, dass Italien nicht für einen Krieg, wie Hitler ihn plant, gerüstet ist. “Kleine” Kriege, ja, das schon: Äthiopien, Albanien, Griechenland, vermeintlich schwache Gegner, das würde man schaffen. Das Großmaul, letztendlich gibt er Hitlers Wunsch nach “Waffenbrüderschaft” nach, opfert lieber hunderttausende Leben, als Schwäche zuzugeben.

Wenn Mussolini angesichts von Hitlers Skrupellosigkeit vielleicht irgendwann zur Überzeugung gelangt, dass diese blinde Gefolgschaft ein Fehler ist, dann kann er nicht mehr zurück, auf Gedeih und Verderben hängt er an den Entscheidungen, die in Berlin und am Obersalzberg getroffen werden. Mussolini ahnt es vielleicht, dass er damit seinen eigenen Untergang einleitet.

Im selben Ausmaß, in dem der vormalige Primus der faschistischen Ideologie hinter seinen ehemaligen Bewunderer Hitler in den Hintergrund tritt, wird auch seine Rolle in seiner eigenen Biografie kleiner. Mussolini nennt sich zwar noch Duce, doch die Führung hat längst „der Führer“ Nazideutschlands übernommen.

Im schon aus den ersten beiden Büchern der Reihe bekannten dramatisierenden Stil, verbindet Scurati die romanhafte Schilderung der Ereignisse mit Zitaten aus zeitgenössischen Dokumenten. Beides zusammen verleiht dem Geschehen eine an den Nerven zerrende Spannung; und das, obwohl man natürlich weiß, wie alles weiterging und endete.

Es ist ein Geschichtsbuch der besonderen Art, das niemanden unbeeindruckt lassen kann. Neben der stilistischen Aufbereitung trägt dazu auch die Mischung aus Tatsachenberichten über die Dynamik der politischen Vorkriegsentscheidungen mit dem Blick auf die Auswirkungen der Entscheidungen der Diktaturen auf die einzelnen Menschen. Insbesondere die Beschreibung, wie Mussolini sich dem Antisemitismus und der Rassenwahn der Nazis zuerst anschloss und dann im Übereifer, um seinem Diktator-Verbündeten zu gefallen, zwischenzeitlich sogar noch brutalere Gesetze gegen Juden erließ als die Nazis.

Der Bogen der Gewalt am Vorabend des 2. Weltkrieges spannt sich von Mussolinis Weltmachtträumen bei der unglaublich blutigen Eroberung Äthiopiens über Hitlers schrittweise Annexion von an Deutschland angrenzenden Ländern (Österreich, Sudetenland, dann die Tschechoslowakei) über den vor der Entscheidung stehen spanischen Bürgerkrieg, der in die faschistische Diktatur Francos mündet, bis zur Besetzung Albaniens.  Von Mussolini und seinem Schwiegersohn und Außenminister Galeazzo Ciano wird die Konfrontation mit Frankreich und England weiter angeheizt, indem man Ansprüche auf Teile deren Staatsgebiete erhebt. In ihrer Überheblichkeit und ihrem Dilettantismus sind beide nicht imstande zu verstehen, welche Folgen ihr Handeln hat. Sie erkennen auch nicht, oder wollen es nicht sehen, dass Hitler schnurgerade auf den großen Krieg zusteuert und liefern sich und ganz Italien dessen Launen und Mordlust aus.

Außergewöhnlich eindrücklich vermittelt Scurati, wie Mussolini sich durch seine unbedingte Bindung an Hitler selbst Schritt für Schritt marginalisiert und wie er das auch selbst zu begreifen scheint; andererseits lässt sich im Windschatten der Nazis doch sicher die eine oder andere Beute machen. Scurati versucht dabei auch einen Blick in das Innere des „Duce“, in dessen Überlegungen, hochtrabende Fantastereien und panische Ängste. So sehr dies zum Teil Spekulation bleiben muss, so sehr scheint aber alles, was Scurati dazu schreibt, zu einem hohen Grad wirklich dem zu entsprechen, was Mussolini antrieb.

Der Zeitrahmen des Buches endet im Juni 1940. Der Untergang hat da schon längst begonnen …

Kann so etwas wieder geschehen?

Die gesamte Buchreihe über Aufstieg und Fall des Benito Mussolini ist eines jener Werke, das diejenigen, die es unbedingt lesen sollten, wahrscheinlich nicht lesen werden. Damit meine ich die, die die Gewalt, Brutalität und Menschenverachtung der Faschisten und Nazis verdrängen, leugnen, vielleicht sogar rechtfertigen oder nichts mit der Vergangenheit zu tun haben möchten. Weil sie immer mehr werden, schaffen es die Erben Mussolinis (Hitlers und vieler anderer), an die Macht zu kommen. Diesmal mithilfe von Wahlen, da sie gelernt haben, demokratische Mechanismen auszunutzen und zu verbiegen, sobald sie die Möglichkeit dazu haben.

Dass es beispielsweise so einen wie Donald Trump gibt, der sich in seiner Mimik und Rhetorik Mussolini als Vorbild genommen hat und dem wie damals dem „Duce“ Menschenmassen wie die Lemminge folgen, ist angesichts der aktuellen Weltlage noch erschütternder. Nimmt man noch die gelehrigen Erben Mussolinis, Hitlers und Stalins her, die in der Gegenwart schon an der Macht sind oder dorthin streben, dann erkennt man, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem eine Wiederholung der Entwicklungen, die zur Katastrophe des 20. Jahrhunderts führten, immer möglicher wird.

Was soll man unternehmen, wenn immer mehr Menschen sich weigern, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und wenn immer mehr Menschen den leeren Phrasen, populistischen Parolen und den Wahrheitsverdrehungen der rechtsextremen Demagogen Glauben schenken? Was auch immer zu tun ist bzw. was man tun kann: Man darf nicht die Augen verschließen.

PS: die Dramatik des Inhaltes hat anscheinend auch die Konzentration bei Übersetzung und/oder Lektorat in Mitleidenschaft gezogen. Einige Wörter finden sich, die es tatsächlich nicht gibt und manche Satzkonstruktionen nehmen vielleicht schon eine nächste Rechtschreibreform vorweg.




Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert



Top