William Melvin Kelley: Ein anderer Takt

verfasst am 01.06.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kelley, William Melvin, Romane

Wenn man die Frage stellt, ob die Sklaverei abgeschafft wurde, dann wird wohl jede und jeder dies uneingeschränkt bejahen. Für die Vereinigten Staaten würde das bedeuten, dass mit dem Ende des Bürgerkrieges im Jahr 1865 auch das Ende der Sklaverei im „Land of the free and home of the brave“ gekommen wäre.

Als der junge Autor William Melvin Kelley im Jahr 1962, also fast einhundert Jahre später, seinen Debütroman „A Different Drummer/Ein anderer Takt“ veröffentlichte, war die Sklaverei  als Form der Leibeigenschaft zwar verschwunden, in den Köpfen und auf den Straßen aber war sie genauso präsent wie eh und je.

Genau daraus entstand dieser Roman: vor allem im Süden der USA beherrschte die Rassentrennung das Leben und man liegt wahrscheinlich gar nicht so weit daneben, wenn man annimmt, dass in einem unabhängig gebliebenen Staat „Konförderierte Südstaaten“ wohl ein Apartheit-Regime ähnlich wie in Südafrika geherrscht hätte.

In einem nicht genannten Staat inmitten der Südstaaten lässt der schweigsame Tucker Caliban dieses Haus der Ungleichheit einstürzen. Ein wenig erinnert diese Figur an Mahatma Ghandi oder Nelson Mandela: nicht im Sinne eines öffentlichen Auftretens, genau das verabscheut Tucker nicht, sondern im Sinne des gewaltfreien Widerstandes gegen die Weißen.

Für Tucker Caliban war nach so vielen Generationen von Menschen afrikanischer Abstammung, die immer in Abhängigkeit von Weißen gelebt hatten, der Moment gekommen, dem ein Ende zu setzen. Noch immer redeten die Weißen ihre schwarzen Angestellten ganz selbstverständlich mit „Du“ an, während sie selbst mit „Frau“ oder „Herr“ angesprochen werden sollten. Schwarze waren immer Untergebene, Weiße immer die Herren; in den Bussen mussten Schwarze im hinteren Teil, abgetrennt hinter Gittern mitfahren, vorne saßen nur die Weißen.

Als Tucker Caliban das nicht mehr erdulden will, zerstört er seine Felder, brennt sein Haus nieder und verlässt mit seiner Familie den Staat. Seinem Beispiel folgen immer mehr, bis am Ende alle Schwarzen den Staat verlassen haben.

Zurück bleiben Weiße, die langsam feststellen, dass ihr Leben ab nun völlig anders ablaufen wird und die in ihrem Unverständnis über die Beweggründe und ihrer Wut darüber, dass sie diese Umwälzungen nicht verhindern konnten, auch vor Gewalt nicht zurück schrecken.

So einfach die Sprache dieses Romanes ist, so eine unglaubliche Wucht entwickelt er daraus – ich muss sagen, dass ich wirklich völlig fasziniert bin. Wie William Melvin Kelley aus dem zunächst recht banalen Umstand, dass jemand sein Geburtsland verlässt, um anderswo zu leben, eine so entlarvende Erzählung macht, ist beeindruckend.

Was er damals nicht wusste, wir aber heute sehen, ist, dass die Rassisten der Welt nicht weniger geworden sind. Was Kelley in seinem Roman von beinahe 60 Jahren beschrieb, das lässt sich heute noch immer erleben und man muss nicht lange danach suchen. Wobei das natürlich kein US-amerikanisches Phänomen ist, sondern ein weltweites. In Europa, in Österreich gedeihen, wir wissen es, auch im Jahr 2020 noch immer – oder eigentlich: immer mehr – Rassismus und Extremismus.

„Ein anderer Takt“ ist damit nicht nur ein Roman über die 1960er-Jahre sondern auch ein Roman über die 2020er-Jahre.



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