Buchbesprechung/Rezension:

Clint Smith: Was wir uns erzählen
Das Erbe der Sklaverei - Eine Reise durch die amerikanische Geschichte


verfasst am 19.03.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Geschichte, Smith, Clint
LiteraturBlog Bewertung:

In Europa kennen wir oft nicht allzu viele Details über die Sklaverei in den USA, gerade über Sezessionskrieg und von den Südstaaten haben die meisten von uns wenigstens gehört und gelesen. Das ist wegen der Distanz noch verständlich; wenig verständlich aber ist das Unwissen und/oder Desinteresse viel zu vieler US-Amerikaner:innen an der eigenen Vergangenheit.

Was bei uns kaum (aber noch immer viel zu oft) möglich ist, dass nämlich sich jemand öffentlich folgenlos antisemitisch äußert oder handelt, das ist, wir sehen es regelmäßig in den Nachrichten, in den USA gang und gäbe. Da dürfen Neonazis und Rassisten ganz offen durch die Straßen marschieren, ihren Rassismus hinausbrüllen und man nennt es „Freiheit der Rede“.

Clint Smith arbeitet dieses Thema nun von einer ungewohnten Position bzw. Perspektive aus auf: Er besuchte die Plätze, die symbolhaft für die unbewältigte Vergangenheit und Gegenwart stehen, er sprach  mit den Menschen, die er dort antraf und er berichtet über das, was dort geschehen ist und teilweise noch immer geschieht.

Thomas Jefferson

Der dritte US-Präsident (im Amt 1801-1809) ist eine Ikone der US-amerikanischen Geschichte und als führender Verfasser der Unabhängigkeitserklärung sitzt er im politischen Olymp. Was aber in den Lehrplänen meistens verschwiegen wird und somit auch allzu vielen Amerikaner:innen nicht bekannt ist: Jefferson war auch Sklavenhalter, ohne Sklaven hätte er seinen Lebenswandel niemals finanzieren können. Auf Monticello Plantation im Bundesstaat Virginia folgt Clint Smith den Spuren Jeffersons, spricht mit anderen Besucherinnen und mit den Menschen, die auf dem Anwesen arbeiten und versuchen, die wirkliche Geschichte zu vermitteln.

Der Aufstand von 1811

Louisiana wurde 1812 in die Union aufgenommen und definierte sich von Beginn an als Staat, der auf die Sklaverei niemals verzichten würde. Mitten in den Südstaaten und der späteren Konföderation gelegen, in denen öffentlicher Rassismus bis heute nicht überwunden sind, liegt die Whitney Plantation. Ein Ort, der in nahezu unerträglicher Weise die Verbrechen der Sklavenhalter dokumentiert. Männer wurden ausgepeitscht, Frauen wurden vergewaltigt, Familien nach Bleiben auseinandergerissen. Der Gipfel der Infamie war es, dass die Weißen dann die Kinder, die nach den Vergewaltigungen geboren wurden, versklavten – ihre eigenen Nachkommen!

Angola Prison

So anschaulich wie erschreckend: auf dem Gelände einer ehemaligen Sklavenplantage wurde das Hochsicherheitsgefängnis Angola Prison errichtet. Wo früher Schwarze als Sklaven leben mussten, sind heute zum überwiegenden Teil Schwarze eingesperrt. Dahinter steht ein Justizsystem in Louisiana, das ganz bewusst und offiziell geschaffen wurde, um nach dem Ende der Sklaverei ein Instrument zur weiteren Unterdrückung der Afroamerikaner zur Verfügung zu haben: Der Rassismus in den Gerichtssälen wurde institutionalisiert und so blieb es bis in die Gegenwart; anders gesagt: Die Sklaverei wurde in gewisser Wiese fortgeführt, nur gab man ihr einen anderen Namen.

Blendford Cemetary

Ein Friedhof in Virginia, auf dem die Überreste von ca. 30.000 Soldaten der Konföderation begraben wurde. Deshalb auch ein Versammlungsort für Verbände, die die Südstaaten und vieles, was diese Südstaaten ausmachten, erneuern wollen. Es ist der Friedhof einer Armee, die schwarze Soldaten der Nordstaaten-Armee blindwütig massakrierte, auch wenn sich diese bereits ergeben hatten. Eine Armee, die unter dem Oberbefehl von Robert E. Lee, stand, einem skrupellosen Sklavenhalter, der aber in den Staaten im Süden nach wie vor als Held und Ehrenmann verehrt wird.

Clint Smith nimmt an einer solchen Veranstaltung teil, nur um dort Geschichtsverleugnungen und Geschichtsverdrehungen zu hören, als wären die Südstaaten nicht auf dem Fundament der Sklaverei gebaut gewesen.

Auf die Frage an die Leiterin des Friedhofes, wie sie persönlich zu den Gründen für den Bürgerkrieg steht, antwortet sie, wie man es von solchen Leuten schon immer gehört hat: „Wenn man 5 Historiker fragt, bekommt man 5 unterschiedliche Antworten„. Also mehr oder weniger dieselbe Wortwahl, wie man sie hierzulande von Leugnern des Holocaust und von Rechtspopulisten zu hören bekommt, wenn man sie nach Konzentrationslagern befragt.

Afrika

Bei Dakar (Senegal) liegt die Insel Gorée. Das ist ein Ort, auf dem viele der verschleppten Afrikaner als den letzten Blick auf ihre Heimat hatten, bevor sie eingepfercht wie die Tiere über den Atlantik gebracht wurden. Ein symbolhafter Ort für das, was jahrhundertelang überall an Afrikas Küsten geschah.

Das Wesen des Rassismus

In allen diesen und den weiteren Kapiteln zeichnet Clint Smith eine Chronik des Rassismus und der White Supremacy. Ein Rückblick in die Ursprünge im frühen 17. Jahrhundert, wie der Besitz von Sklaven zu einem der bedeutendsten wirtschaftlichen Faktoren und gesellschaftlichen Statussymbol in allen Kolonien und späteren Bundesstaaten wurde, die frühen Widerstände, die Sezession der Sklavenstaaten und danach vom Ende des Sezessionskrieges im Jahr 1865 bis heute. Oft vergessen wird dabei, dass es auch in den Nordstaaten Sklaven gab, alleine in New York und Umgebung betraf das noch wenige Jahre vor dem vor Kriegsausbruch weit mehr als zwanzigtausend Menschen!

In den eineinhalb Jahrhunderten seither wurde die Sklaverei wieder und wieder durch andere Formen der Ausgrenzung, Unterdrückung und Gewalt ersetzt. Wie sehr das alles noch heute in den Köpfen verankert ist, sieht man beispielsweise immer dann wieder, wenn regelmäßig von Polizeigewalt gegen Afroamerikaner zu lesen und zu sehen ist.

Dazu ein alles beschreibendes Zitat, das sich auf jene bezieht, die jedes Jahr zu Ehren der Konföderation zusammenkommen und Robert E. Lee als Helden feiern  (S.254): „Und manche glauben, der Krieg sei noch nicht zu Ende„.

Die Gegenwart: USA und Europa

Rassismus in den USA ist alltäglich. Was alles noch unerträglicher macht, das ist der Umstand, dass er dort auch in Politik und Behörden bis heute weit verbreitet ist.

Nun müssen wir uns in Europa natürlich nicht besser fühlen, denn Rassismus und Antisemitismus stecken auch hierzulande in viel zu vielen Köpfen. Doch was Europa (wenigstens weitgehend) von den USA unterscheidet, das ist die überwiegende Einigkeit in den (regierenden) politischen Parteien, dass es beides keinen Platz in unseren liberalen Staaten hat. Tatsache ist dem gegenüber, dass die Republikanische Partei in den USA annähernd die Hälfte der Stimmen und somit der Macht innehat – eine Partei, die auf Europa umgelegt in etwa der AFD entsprechende würde, eine rechtsextreme Partei, die unter Beobachtung des Verfassungsschutzes steht; und natürlich hat diese AFD gleichgesinnte „Schwesterparteien“ in jedem Land Europas, meistens jedoch nicht in so zentralen Funktionen verankert wie die US-Republikaner.

Was dieses Buch so besonders macht, das ist die Herangehensweise: Es ist kein Geschichtsbuch im herkömmlichen Sinn und auch kein historischer Roman. Es ist die Betrachtung der Sklaverei aus der Sicht der Versklavten und aus der Sicht der Nachfahren dieser Versklavten. Es zeigt, wie schwer, wie unmöglich es ist, als nicht Betroffener auch nur ansatzweise zu verstehen, was Sklaverei für die Einzelnen bedeutete.

Erst wenn man versucht, diese Sichtweise, wie Clint Smith sie zeichnet, für sich selbst zu übernehmen, wird man ein wenig begreifen können, was es heißt, ein Mensch ohne Freiheit und ohne Chance darauf zu sein. Es kann dabei niemals so weit kommen, dass man es zur Gänze verstehen können wird, doch es reicht aus, um zutiefst erschüttert zu sein.

Es ist eines der beeindruckendsten und wirkungsvollsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.




Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top