Buchbesprechung/Rezension:

Sebastian Barry: Tage ohne Ende


verfasst am 05.02.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Barry, Sebastian, Romane
LiteraturBlog Bewertung:

Beide sind noch halbe Kinder, als sie einander zufällig unter einer Hecke treffen: Thomas McNulty und John Cole suchen dort zu selben Zeit Schutz vor einem Unwetter und sind von diesem Moment an die Freunde, die das Leben gemeinsam erkunden.

Mit 17 Jahren melden sie sich zur Armee, von irgendwas muss man leben und zu Beginn der 1850er-Jahre hat man in Amerika, im Westen, nicht viele Möglichkeiten; sie haben es versucht, aber für die zwei jungen Männer hätte es sonst außer einer Karriere als Banditen kaum eine Zukunft gegeben.  Also die Armee: ein Pferd, eine Uniform, regelmäßige Mahlzeiten, wenig Lohn – aber immerhin ist das besser, als zu hungern.

Thomas erzählt davon und von der Zeit davor, wie es dazu kam, dass er dort landete. Aus Irland gerade eben so der Not und dem Tod entkommen, einige Wochen zwischen Kranken und Verhungernden auf dem Schiff nach Kanada, danach immer nur auf der Suche nach Unterkunft und Essbarem.

Sebastian Barry beschreibt den Wilden Westen als das Gegenteil von Westernromantik und damit die Zeit, die Gegend und die Menschen wirklich sehr nahe an der Wirklichkeit. Man liest über die Trecks der Auswanderer, die über die Great Plains zogen, die riesigen Büffelherden, wie die Weißen die Indianer als nicht mehr als Ungeziefer betrachteten, das man einfach abknallen kann. Und diese gottesfürchtigen Bürger, die sich das Land einfach angeeignet hatten, erwarteten von den Soldaten nichts anderes, als die Indianer zu vertreiben, zu töten; damit die weißen Zuwanderer ungestört das Land in Besitz nehmen konnten. Keinem der Neuankömmlinge würde es einfallen darüber nachzudenken, dass er selbst der Eindringling war und nicht die Indianer, die hier seit Jahrtausenden lebten. Der Westen ist eine Weltgegend, in die unzählige Menschen einwanderten, dabei aber Zivilisation, Kultur und Menschlichkeit dort zurückließen, wo sie herkamen.

Thomas McNulty ist der Ich-Erzähler und er erzählt seine Geschichte in einer Art, die die Atmosphäre, die Lebensweise, den Alltag, die Not, die Grausamkeit und die Gefühle unglaublich präsent werden lassen. Es dauert nicht lange und man ist von alledem wie gefangen. Beim Lesen entsteht, Zeile für Zeile, ein gewaltiges Panorama, ein Gemälde, das alle Details zu zeigen scheint, die das Leben damals ausmachten und bestimmten.

Es gibt keine edlen Helden

Die für mich nachhaltigsten Beschreibungen im Roman sind jene über die Vernichtung der Ureinwohner Amerikas. Wie es niemanden zu geben schien, der in den Morden und Zerstörungen auch nur ansatzweise ein Verbrechen erkennen konnte, das schildert Barry in wahrhaft erschütternden Kapiteln. Das Grauen wirkt dann gewissermaßen aus dem Roman heraus. Männer, Frauen, Kinder – niedergeschossen, abgestochen, einfach so, eine Apokalypse, die dazu noch von den meisten Weißen bejubelt wurde. Wenn auch das Wort „Völkermord“ in McNultys Wortschatz nicht vorhanden ist, so ist es dennoch genau das, was er in Bezug auf die Gemetzel unter den Ureinwohnern berichtet.

Diese Brutalität ist aber in gewisser Weise nur der Auftakt für das kommende: Der amerikanische Bürgerkrieg lässt der Gewalt ungezügelten Lauf. Während die einen weiterhin Indianer jagen und töten, ermorden die anderen die schwarzen Sklaven, die für ihre Freiheit kämpfen.

Als der Krieg mit der Niederlage der Südstaaten endet, endet aber damit nicht die Gewalt und die Fantasie von der weißen Vorherrschaft. In den Köpfen vieler geht dieser Krieg bis heute weiter.

Der Ursprung von Heute

Sebastian Barry ist Ire, geboren im Jahr 1955, schreibt aber über den Westen des 19. Jahrhunderts so, als ob er selbst dabei gewesen wäre. Das tut er in einem ganz eigenen Stil, der alles unglaublich lebensecht erscheinen lässt, worüber er schreibt. Was für ein Glück, dass ich durch Zufall auf die Bücher Barrys gestoßen bin, über den man bei uns in Bestenlisten und unter den Buchbesprechungen nur sehr selten – viel zu selten – liest.

Es ist eine oftmals sehr drastische Beschreibung dessen, was Alltag war. Pläne für die Zukunft zu machen, war für die meisten Menschen der Zeit eine reine Utopie, denn jederzeit konnte jemand auftauchen, der sich mit Gewalt nahm, was er besitzen wollte oder der ohne lange z7u fragen tötete. Was Barry beschreibt, das erklärt für Europäer auch, wie es dazu kam, dass Gewalt und Rassismus in den USA von heute immer noch eine so dominierende Rolle spielen.

Ein überwältigender Roman.

PS: Ein in der deutschsprachigen Übersetzung häufig verwendetes Wort musste ich erst nachschlagen, hatte es bisher noch nie gehört: „Muschkote“ … man lernt nie aus.




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