Buchbesprechung/Rezension:

Colson Whitehead: Harlem Shuffle


verfasst am 25.09.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Whitehead, Colson
LiteraturBlog Bewertung:

Es sind die Jahre 1959 bis 1964. Die Präsidenten heißen Eisenhower, Kennedy und Johnson. In Vietnam führen die Amerikaner Krieg für einen Diktator gegen einen Diktator. Rassentrennung ist in weiten Teilen der USA an der Tagesordnung, der Ku-Klux-Klan kann nach Belieben Schwarze terrorisieren und muss sich vor rassistischen Polizeibehörden und Sheriff-Büros kaum in Acht nehmen.

Ray Carney, seine Geschichte wird erzählt, wohnt, lebt und arbeitet in Harlem, damals noch so etwas wie der offizielle Stadtteil für Menschen schwarzer Hautfarbe. Anderswo in New York wurde man als Schwarzer oft ignoriert, abgewiesen oder hinausgeworfen, wenn man ein Lokal oder ein Geschäft betreten wollte, anderswo in New York war weißes Territorium. Als Mensch mit dunkler Hautfarbe mied man Straßenzüge, Stadtviertel, ganze Städte, wenn man nicht in Schwierigkeiten geraten wollte.

In Harlem aber ist es für einen jungen Mann, der sich engagiert und der den Willen dazu hat, sich aus seinen tristen Verhältnissen herauszukämpfen, möglich, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden und ein glückliches Leben mit seiner Familie zu führen. Zugleich aber lebt man permanent in einer Atmosphäre der Gaunereien, jeder kennt jemanden, der krumme Geschäfte macht und es ist schwer, sich von alledem fernzuhalten.

So sehr Ray Carney auch das feste Vorhaben hat, nicht in die kriminellen Fußstapfen seines Vaters zu steigen, so sehr verleitet ihn die Aussicht auf zusätzliche Einnahmequellen dazu, mit kleinen Hehlereien zu beginnen. Sein Möbelgeschäft ist dafür zugleich gute Basis und Tarnung. Als seine Ansprüche an das Leben steigen, als ein zweites Kind seine Familie weiter vergrößert, lässt er sich immer mehr auf krumme Geschäft ein. Schließlich wird er sogar zum Hauptabnehmer eines allseits bekannten Gangsters, verkauft die Beutestücke aus dessen Raubzügen zur Zufriedenheit aller.

Für seine beiden letzten Romane erhielt Colston Whitehead jeweils den Pulitzer-Preis. Zweifelsohne liegt damit die Latte für seinen neuen Roman „Harlem Shuffle“ sehr hoch.

„Underground Railroad“ und „Die Nickel Boys“ – seine beiden letzten Romane – hatten dramatische historische Ereignisse zum Vorbild, aus denen Whitehead beeindruckende Erzählungen über den Rassismus und die Gewalt in den USA erschuf. In diesem neuen Roman bilden der Rassismus, Rassentrennung, Rassenunruhen und Polizeigewalt gegen Schwarze, für die nie jemand zur Verantwortung gezogen wird, zwar den Hintergrund der Erzählung, diese konzentriert sich aber auf die Lebensgeschichte Ray Carneys, auf dessen Anstrengungen, den engen Rahmen zu sprengen, den ihm seine Geburt in eine Familie der Unterklasse vorgegeben hatte.

Beinahe schwungvoll, oft sogar leicht und voller Optimismus beschreibt Whitehead, wie Carney langsam aber sicher für sich, seine Frau und seine Kinder eine Existenz aufbaut, die nach außen hin wie die einer ganz normalen Mittelklassenfamilie erscheint. Wegen seiner illegalen Nebengeschäfte kann man ihm nicht böse sein, er handelt ehrlich mit seinen Geschäftspartnern, Gewalt ist ihm fremd, sein Ansehen wächst. Dann wieder geschieht etwas in seinem Umfeld, was ihn gnadenlos daran erinnert, dass die Welt unglaubliche viele dunkle Ecken hat, in denen Verbrechen und Drogen die Hauptrollen spielen.

Eine Familien-, Gesellschafts- und Lebensgeschichte, die vor dem Hintergrund der unruhigen Zeiten in den USA der 1960er-Jahre spielt. Die Lebensgeschichte Ray Carneys birgt vieles, was die eines weißen Mannes kaum enthalten würde, vieles, das sehr konkret die Ungleichheit und die Diskriminierung aufzeigt, mit der Menschen dunkler Hautfarbe konfrontiert waren und noch immer sind. Ja, es geht sogar so weit, dass hellhäutige Schwarze Vorurteile gegenüber dunkelhäutigen Schwarzen haben.

Ray Carneys Lebensgeschichte ist eine über Geben und Nehmen, darüber, was geschieht, wenn jemand nur nimmt, aber nicht gibt, darüber, wie Ehrgefühl und Aufrichtigkeit durchaus relative Begriffe sein können.

„Harlem Shuffle“ reicht alles in allem nicht ganz an die großartigen Vorgängerromane heran. Als Beschreibung der Verhältnisse in Harlem zu Beginn der 1960er Jahre ist dieser Roman jedoch sehr gelungen, hinterlässt eben nur nicht den Nachhall, wie man es von einem Werk Colston Whiteheads erwartet hätte – womit auch dokumentiert ist, welche Hypothek zwei so erfolgreiche Romane hintereinander für einen Schriftsteller sein können.

Um es deutlich festzuhalten: „Harlem Shuffle“ ist dennoch ein wirklich sehr empfehlenswerter Roman –  er beschreibt unglaublich bildhaft und auch für Nicht-Amerikaner verständlich eine Zeit und ein Milieu, wie es in den USA bis ins Jahr 2021 existiert (siehe Video). Wenn auch die Erwartung an diesen Roman eine andere war, so beeindruckt er diesmal eben durch einen anderen Stil und andere Schwerpunkte, als Colston Whitehead sie zuletzt setzte.

 




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