Colson Whitehead: Die Nickel Boys

verfasst am 03.06.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Whitehead, Colson

Was hat sich nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg, der vordergründig die Abschaffung der Sklaverei zum Ziel hatte, geändert? Was bewirkte Martin Luther King? Wie stark ist der (Alltags-)Rassismus heute noch in den Köpfen verankert?

Colson Whitehead ist der literarische Chronist des Schicksales der Menschen mit afrikanischen Wurzeln, die in den USA lebten und leben. Er schreibt über genau diese Fragen und darüber, wie die Welt der Menschen mit dunkler Hautfarbe ist.

Das Thema, um das es in „Die Nickel Boys“ geht, ist jedoch weder auf die USA beschränkt noch beschreibt es die Leidenswege von Menschen einer bestimmten Hautfarbe. Das Thema ist die Dominanz alter Männer über die Jugend, die Gewalt, die ausgeübt wird, um junge Menschen zu brechen, ihren Willen zu unterdrücken und ihnen jede Form von Eigenständigkeit zu nehmen.

Am Beispiel einer fiktiven Besserungsanstalt und des jungen, hoffnungsvollen Elwood beschreibt Whitehead etwas, das es an so vielen Orten in den USA, aber in ähnlicher Form auch bei uns gab und gibt: Jugendliche werden weggesperrt, die Gesellschaft entledigt sich ihrer und überlässt es Sadisten und Schlägern, mit dem Ungehorsam dieser jungen Menschen fertig zu werden.

Der sechzehnjährige Elwood setzt sich als Tramper in den Wagen eines ihm unbekannten Mannes. Als sie wenig später von der Polzei augehalten werden, stellt sich heraus, dass der Wagen gestohlen ist. Das bedeutet, wir befinden uns in den 1960er-Jahren, dass nicht die Unschuld, sondern die Schuld vorausgesetzt wird; Gerichte urteilen rassistisch, wer schwarz ist, kann nicht mit einem gerechten Urteil rechnen. Elwood ist schuldig als Mittäter, nur weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Sein Traum vom College zerplatzt, einfach nur deshalb, weil er schwarz ist. 

Elwood wird in die Besserungsanstalt „Nickel Academy“ eingewiesen, dort wo junge Menschen lernen und zurück auf den richtigen Weg gebracht werden sollen. Welch eine höhnisch klingende Beschreibung für diesen Ort.

Die geradlining strukturierten Sätze, die einfache Wortwahl, mit der Elwoods Weg vom hoffnungsvollen Jungen zum Insassen der Erziehungsanstalt, also einem Nickel-Boy, beschrieben ist, lässt genug Raum dafür, sich selbst alles vorzustellen. Wie die Angst den Tagesablauf bestimmt, wie die Hoffnungen und Träume, wie die Aussicht auf ein eigenes, selbstbestimmtes Leben hinter einem Nebel aus Erniedrigung und Unterdrückung verschwinden. Wie man niemals sicher sein kann, den nächsten Tag zu überleben.

Doch selbst in dieser Endstation der Gesellschaft wird zwischen weiß und schwarz unterschieden. Den einen nimmt man nur die Freiheit, den anderen ihr Selbst, wenn es den Aufsehern gefällt, auch das Leben.

Es wurde damals unterschieden und es wird heute noch immer unterschieden. Wenn wir davon lesen, dass wieder ein unbewaffneter Afro-Amerikaner von Polizisten erschossen wurde, wenn wir sehen, dass die Gefängnisse überwiegend von Menschen dunkler Hautfarbe belegt sind, dann wissen wir, dass der Rassismus heute in nichts nachgelassen hat. Wenn wir dann auch noch sehen, wie ein Rassist im Weißen Haus in Washington sitzt und sich US-Präsident nennen darf und wie er mit den genau passenden Worten die Weißen, die sich als die besseren Menschen betrachten, zur Gewalt gegen Minderheiten und politische Gegner aufstachelt; dann muss man die drei Fragen (ganz oben) allesamt mit „sehr wenig bis gar nichts“ beantworten.

Das ist gleichsam erschütternd und unbegreiflich.

Colson Whitehead schreibt in ungemein eindringlicher Form. Er entwickelt damit Bilder, die tief in das Bewusstsein eindringen und bittere Klarheit darüber schaffen, wie Gewalt unveränderlich den Alltag der Menschen bestimmt; wenige sind Täter, viele sind Opfer.

Vergangenheit und Gegenwart unterscheidet darin nicht viel; und der gegenwärtige Zustand der Gesellschaft lässt auch nicht daran glauben, dass sich diese Tatsachen demnächst ändern könnten.

PS: Auch wenn die „Nickel-Academy“ nicht existert: Colson Whitehead hat die „Arthur G. Dozier School for Boys“ als Vorlage dafür genommen. Die über diese Anstalt bislang bekannt gewordenen Fakten sind kaum zu ertragen …



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